Computer-Magazin

 
Vorbemerkung: der folgende Beitrag beschreibt die Pilot-Durchgänge eines bundesweiten E-Mail-Projektes des heidelberger institut beruf und arbeit (hiba gmbh). Das Projekt wird inzwischen rein internetgestützt durchgeführt. Weitere Informationen gibt es unter www.hiba-seminare.de/kolumbus

Zuerst erschienen in der Zeitschrift „direkt – Fördern und Qualifizieren“, Ausgabe 13/ September 2001

„Kolumbus geht ins Netz“

Wolfgang Schmitt-Kölzer 

„Hier die Umschreibung unserer Weltmetropole: Unsere Stadt liegt in einem Bundesland, in dem früher die Schlote rauchten. Unsere Stadt liegt in einem Kreis, dessen Name ähnlich wie der einer Wurst klingt. Unser Kreis, in dem unsere Stadt liegt, grenzt an eine Stadt, in der man doch tatsächlich durch die Luft schweben kann. Den Namen unserer Stadt kennen viele Autofahrer, die in Oberhausen wohnen und in Frankfurt arbeiten ...“

Wer hätte erraten, dass es sich hierbei um die Stadt Hilden handelt?  Der Text stammt von benachteiligten Auszubildenden aus der „Gemeinnützigen Jugendwerkstatt“ in Hilden und ist als E-Mail im Rahmen des Kolumbus-Projektes verschickt worden. Die Hildener Jugendllichen hatten sich für das Kolumbusspiel den Codenamen „game_over“ zugelegt.

In sechs anderen Städten (Essen, Gelsenkirchen, Nürnberg, Wittlich, Detmold, Ravengiersburg ) beteiligten sich im Oktober/November 2000 zur gleichen Zeit jeweils zwischen drei  und neun Jugendliche der ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) und außerbetrieblichen Ausbildung (BüE) am Kolumbus-Projekt. 

"Ziel des Spieles war es, die Orte herauszufinden, an denen die MitspielerInnen wohnten und zwei Berufe, auf die jede Gruppe sich geeinigt hatte", erläutern Sabine Flassnöcker und Klaus Zink.  Die beiden - selbst computerbegeistert -  waren die SpielleiterInnen  der Hildener Gruppe. 

Je länger das Spiel dauerte, desto mehr Informationen gab es und umso leichter wurde das Raten. Hatten die Azubis bis zur fünften Spielwoche keine klaren Vermutungen zu den Städten und Berufen geäußert, wurden die anderen Gruppen über die eigene Identität aufgeklärt. In der sechsten Woche reflektierten die einzelnen Gruppen die gemachten Erfahrungen und teilten diese den anderen  Auszubildenden per E-Mail mit. 

110 Auszubildende aus 18 Bildungseinrichtungen beteiligt

Neben der Spielstaffel, in die die Hildener integriert waren, gab es zwei weitere, an denen sich Azubis aus folgenden Städten beteiligten: Flensburg, Hamburg, Henningsdorf, Arnstadt, Weißenfels, Dresden, Pätz, Suhl, Pirna, Sangerhausen, Eberswalde. Insgesamt waren 110 Auszubilddende aus elf abH- und sieben BüE-Bildungsstätten beteiligt.

Wie lief nun das Spiel im Detail ab? Es erstreckte sich über sechs Wochen. Die Jugendlichen tauschten sich einmal wöchentlich über eine geschlossene Mailingliste aus. Als Informationsquellen sollten sie sowohl das Medium Internet als auch andere Medien, die ihnen in der Bildungseinrichtung zur Verfügung standen, nutzen. Sie sollten einen kleinen Arbeitsplan entwickeln, wie sie neu eingegangenen Mails auswerten und wann sie welche neuen Infos über ihre Stadt und ihre Berufe preisgeben wollten Sie formulieren ihre Mails eigenständig und organisierten alles so, dass sie die wöchentlichen Spielaktivitäten in ca. 120 Minuten bewältigen konnten.

Die SpielleiterInnen (AusbilderInnen, LehrerInnen und SozialpädagoInnen) tauschten sich über eine eigene Mailingliste aus. Zur Vorbereitung des Projektes hatten sie sich in einem Fortbildungsseminar vom heidelberger institut beruf und arbeit (hiba) getroffen und kamen nach Spielende noch einmal zu einem Auswertungsseminar zusammen. Für die  eigentliche Spielphase, die in den Bildungseinrichtungen stattfand, bot hiba den SpielleiterInnen die Möglichkeit einer Online-Betreuung, eine Unterstützung in technischen und pädagogischen Fragen. Mit denTele-Tutoren wurde per E-Mail, Forum, Chat und – im Notfall – per Telefon kommuniziert.

Das Spiel gefiel den Jugendlichen sehr gut. „Mit Suchmaschinen zu arbeiten und im Internet zu surfen, war Klasse“, so einer der Teilnehmer. An einem Online-Spiel teilzunehmen war auch für diejenigen, die zuvor schon mal eine E-Mail verschickt hatten, Neuland. Besonders das Erraten der Wohnorte und das damit verbundene Recherchieren im Internet, (Auto)-Atlas und anderen Medien hat allen Gruppen sehr viel Spaß gemacht, Frust kam gelegentlich auf, wenn die „Gegner“ die Informationen über ihre Ausbildungsberufe so schwer machten, dass sie kaum zu entschlüsseln waren. In diesen Phasen waren die SpielleiterInnen, die sich ansonsten bewusst im Hintergrund hielten, besonders gefordert.

Schlüsselqualifikationen im Zentrum

Die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen im Rahmen der Ausbildung rückt immer mehr in den Mittelpunkt der pädagogischen Bemühungen. Lernarrangements zu entwickeln, die z.B. die Entwicklung kommunikativer und sozialer Kompetenzen fördern und den Auszubildenden die Chance geben, mehr Eigenverantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen, sind wichtige Bausteine in einer zeitgemäßen Ausbildung, die den Jugendlichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet. Dies gilt insbesondere auch für die Ausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen sowie für die Förderung benachteiligter Jugendlicher in den ausbildungsbegleitenden Hilfen.

Bei „Kolumbus“ ist dieser pädagogische Ansatz im Rahmen eines trägerübergreifenden sechswöchigen Projektes realisiert worden. Ziel war, das Ausbildungspersonal und die Auszubildenden über die Durchführung dieses Projekts mit der Nutzung des Internet vertraut zu machen und zur Informationsbeschaffung, zur Kontaktaufnahme, zum Erfahrungsaustausch und zur Vernetzung zwischen den Einrichtungen der Benachteiligtenförderung beizutragen.

„Kolumbus“ als Dauereinrichtung im Netz

Das heidelberger institut beruf und arbeit (hiba) wird eine CD-ROM veröffentlichen *, auf der die Erfahrungen des Kolumbus-Projektes ausführlich beschrieben sind. Gleichzeitig entsteht eine Web-Site, um Kolumbus als Dauereinrichtung im Netz zu implementieren. Dort gibt es dann alle erforderlichen Informationen und Spielanleitungen. Einrichtungen aus dem Bereich der Benachteiligtenförderung und der Ausbildungsvorbereitung können sich dort anmelden, wenn ihre Jugendlichen Interesse haben, selbst einmal „Kolumbus“ zu spielen.

Lern- und Projektziele des E-Mail-Spiels 
 

  • Förderung und Erweiterung von Medienkompetenz: Handhabung der einschlägigen Werkzeuge erlernen (Hardware/PC und Software/Browser, E-Mailprogramm, Suchmaschinen) Informationen in Netzen finden, bewerten, auswählen und präsentieren.
  • Förderung der Kommunikationsfähigkeit (innerhalb der eigenen Gruppe und mit den anderen SpielteilnehmerInnen)
  • Förderung der (schrift-)sprachlichen Ausdrucksfähigkeit (Fachsprachliche Texte interpretieren, eigene Texte kurz und prägnant formulieren)
  • Förderung des Sozialverhaltens (in der Gruppe gemeinsam E-Mail-Texte auswerten und Gruppenvorschläge auszuarbeiten)
  • Entwicklung von Zeitgefühl (im Rahmen der Computerarbeit) und Einsicht in die Notwendigkeit einer Arbeitsplanung um vorgegebene Spielzeiten einhalten zu können
  • Förderung der berufsfachlichen Kompetenz (durch intensive Reflexion der Inhalte und Anforderungen der Ausbildungsberufe)
  • Entwicklung und Vertiefung der Eigenverantwortung (für die eigene Ausbildung und berufliche Perspektive) 
  • Einsatz eines Medienmixes aus modernen und traditionellen Medien (Bücher, Lexika, Atlanten) praktizieren2
Didaktische und methodische Überlegungen 
  • Die Lernerden werden ermuntert, die Verantwortung für den eigenen Lernprozess und die eigene (berufliche) Entwicklung stärker selbst zu übernehmen.
  • Durch die spielerische Komponente wird die Motivation der Auszubildenden gefördert und die angestrebten Lernziele werden projekt- und handlungsorientiert realisiert -  in enger Anlehnung an die Lebens- und Erfahrungswelt der Azubis realisiert.
  • Die Ausbilder, Lehrkräfte, Sozialpädagogen übernehmen im Rahmen der vorgegebenen Spielstruktur verstärkt die Rolle von Lernberatern und Moderatoren. Der Einsatz der "Neuen Medien" wird als sinnvolle Ergänzung in der pädagogischen Praxis erfahrbar.
Der Autor:
Wolfgang Schmitt-Kölzer, LERNEN FÖRDERN, Trägergesellschaft Rheinland-Pfalz e.V. führt seit 1997 Internet- und Lernsoftware-Seminare für das heidelberger institut beruf und arbeit hiba durch. Er leitet das Projekt gemeinsam mit Peter Esser-Krapp.
„hiba“ ist der Bundesanstalt für Arbeit beauftragt, die „Fortbildung in der Benachteiligtenförderung (FiB) durchzuführen. 
Informationen zu Kolumbus gibt es unter: www.hiba-seminare.de/kolumbus

* Die erwähnte CD-ROM ist als "transfer" Ausgabe IV-2001 erschienen und im hiba-Verlag erhältlich

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