Computer-Magazin

 

Hauptschüler: Hürden bei der Nutzung neuer Medien
Interview mit Ulrike Wagner

Für viele Hauptschüler ist der Computer eines der zentralen Medien. Allerdings stoßen viele von ihnen auch auf Hürden, die einer souveränen Nutzung entgegenstehen. So lautet eines der Ergebnisse der Studie "Medienhandeln in Hauptschulmilieus – Mediale Interaktion und Produktion als Bildungsressource". Die Studie gibt einen systematischen Einblick in den Medienumgang von Hauptschülern aus sozialen Brennpunkten in Deutschland. Sie zeigt, dass der Umgang mit Internet, Computer, Handy und Spielkonsole selbstverständlicher Bestandteil des Alltags dieser Heranwachsenden ist und auch bestimmte Web 2.0-Angebote eine wichtige Rolle spielen. Ein Interview mit der Herausgeberin der Studie, Ulrike Wagner.

Frau Wagner, Jugendliche aus eher bildungsfernen Milieus zeigen sich beim Lernen doch häufig recht hilfebedürftig. Ein Ergebnis Ihrer Studie zeigt, dass auch Schülerinnen und Schüler an Hauptschulen sich mithilfe neuer Medien eigenständig Themengebiete erschließen. Wie ist das zu erklären?

Ulrike Wagner: Viele Jugendliche, auch Hauptschülerinnen und Hauptschüler, beschäftigen sich gerne mit Medien. Sie haben gerade mit dem Computer ein Werkzeug, das ihnen für ihre Interessen, Hobbies und Vorlieben gute Dienste leistet. Und: Sie gebrauchen die sogenannten neuen Medien häufig mit ihren Freundinnen und Freunden gemeinsam, d.h. auch die Aneignung von Themen und medialen Fähigkeiten ist eingebettet in Sozialkontakte, was den Heranwachsenden sehr wichtig ist.

Bewegen sich die Jugendlichen denn auch vorwiegend souverän im Internet?

Ulrike Wagner: Wir finden unter den Hauptschülerinnen und Hauptschülern einige, die sehr souverän mit den Möglichkeiten des Internet umgehen. Viele von ihnen stoßen aber auch auf Schwierigkeiten und Hürden, die einer souveränen Nutzung entgegenstehen. Z.B. bei An- und Abmeldeprozeduren, beim Umgang mit Passwörtern und persönlichen Daten, beim Erkennen von kommerziellen Angeboten oder auch beim Einschätzen der Glaubwürdigkeit medialer Quellen etc. Kurz gesagt: Überall dort, wo Wissen über die medialen Strukturen erforderlich ist, das mehr bedingt als basale Fertigkeiten, können gerade diese Jugendlichen schon mal an Grenzen stoßen. Sie verfügen zwar durchaus über ein regelhaftes Wissen zum Medienumgang, es ist aber in konkreten Situationen für sie nicht unbedingt handlungsleitend.

Geht die Zeit, die auch Jugendliche aus Hauptschulmilieus am Computer verbringen auf Kosten der Zeit vor dem Fernseher?

Ulrike Wagner: Der Computer ist aber auf alle Fälle eines der zentralen Medien für viele Hauptschülerinnen und Hauptschüler, vor allem in Bezug auf die Kommunikation mit der Peergroup über Instant Messenger und Social Networks, aber auch in Bezug auf das Spielen. Wir haben in unserer Studie nur nach multifunktionalen Medien gefragt. Wenn man sich andere Studien zum Medienumgang Jugendlicher ansieht, wird deutlich, dass der Computer mit dem Fernsehen zumindest gleichgezogen hat und dass vor allem seine Wertigkeit stetig steigt. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass das Fernsehen in bildungsbenachteiligten Milieus nach wie vor von größerer Bedeutung ist als in bildungsbevorzugten Milieus.

Viele Jugendliche "melden sich mit Bildern zu Wort". Besteht hier nicht tatsächlich die Gefahr, dass Schülerinnen und Schüler den Aufbauchriftsprachlicher Kompetenzen damit einfach umgehen können?

Ulrike Wagner: Das Umgehen eines Aufbaus von schriftsprachlichen Kompetenzen liegt meiner Ansicht aber nicht daran, dass sie sich gerne mit präsentativen Ausdrucksformen beschäftigen. Es ist eher die Frage der Vermittlung. Wenn man sich ansieht, wie viel über Instant Messenger oder in Social Network Sites über Schriftsprache ausgedrückt wird, kann man nicht sagen, dass es dabei auf ein Entweder-Oder, also entweder präsentative oder schriftsprachliche Ausdrucksformen, hinausläuft. Viel wichtiger es, diese Orientierung ernst zu nehmen und als gleichwertig mit Schriftsprache anzusehen und über diese Vorliebe für Bilder auch neue Möglichkeiten der Förderung von schriftsprachlichem Verstehen zu entwickeln.

Visuelle Ausdrucksformen werden in der Schule in der Regel vernachlässigt. Wenn Pädagogen die Vorliebe für präsentative Ausdrucksformen aufgreifen möchten, wie machen sie das am besten?

Ulrike Wagner: Es könnte z. B. so vonstatten gehen, dass die Lehrkräfte Gestaltungs- und Veröffentlichungsräume schaffen, in denen die Heranwachsenden sich selbst einbringen können. Ein Beispiel dafür sind so genannte Slideshows, also aus Einzelbildern zusammengesetzte Videos, die auch mit Musik unterlegt oder mit Textbausteinen versehen werden. Diese Videos sind bei Jugendlichen sehr beliebt, sie haben hier die Möglichkeit, sich mit Themen auseinanderzusetzen und können ihre Botschaften so auf recht einfache Weise umsetzen. Dies in pädagogische Prozesse einzubinden ist auch nicht so aufwändig, da dafür keine komplizierten Programme notwendig sind und vielen Jugendlichen diese Ausdrucksform bereits vertraut ist. Anschließend an die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen können dann auch Reflexionsprozesse angestoßen werden, z.B. zur Glaubwürdigkeit und zum Wahrheitsgehalt von Bildern.

Die von Ihnen befragten Lehrkräfte bemängeln die große Komplexität und die Art der Aufmachung vieler Internetangebote, die für Hauptschülerinnen und Hauptschüler wenig geeignet erscheinen. Wo gibt es aus Ihrer Sicht Handlungsbedarf?

Ulrike Wagner: Die Kritik der Lehrerinnen und Lehrer gilt es hier sehr ernst zu nehmen, da es gerade für ihre Schülerinnen und Schüler wenig gut gestaltete Angebote gibt. Die Hauptschullehrerinnen und -lehrer müssen also immer wieder auf Angebote zurückgreifen, die eigentlich für Kinder gemacht sind, wie z.B. die Suchmaschine "Blinde Kuh". Die Jugendlichen haben bestimmte Erwartungen an ästhetische Gestaltung und Ansprache, wenn da ein Angebot nicht authentisch erscheint, dann wollen sich die Jugendlichen damit von vorne herein nicht damit beschäftigen. Vor allem für die Hauptschülerinnen und Hauptschüler gilt es, ihre Bedingungen zu berücksichtigen, d.h. Übersichtlichkeit und klare, nachvollziehbare Navigationsstrukturen sind unabdingbar für sie, um sich zurechtzufinden.

Sind Pädagogen über die Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler im Bereich neuer Medien eigentlich gut informiert?

Ulrike Wagner: Manche der von uns befragten Pädagoginnen und Pädagogen waren sehr gut informiert. Aber man muss schon sagen, viele von ihnen wissen nicht so recht, was ihre Schülerinnen und Schüler da machen. Von diesen Lehrerinnen und Lehrern wurde teilweise aber auch thematisiert, dass sie sich mehr Wissen darüber wünschen würden, aber in ihrem Berufsalltag kaum Zeit dafür bleibt, sich damit auch noch zu beschäftigen. Hier stehen die von uns befragten Lehrkräfte an Hauptschulen aber auch vor besonderen Anforderungen. Dies spiegelt sich z.B. in der Aussage eines Lehrers, der sich in seiner täglichen Arbeit mehr als Sozialarbeiter denn als Lehrer versteht.

Gerade Computerspiele stehen im Verdacht, Lernleistung von Schülerinnen und Schülern zu beeinträchtigen. Können Sie das bestätigen?

Ulrike Wagner: Unsere Studie hatte einen ganz anderen Fokus, dazu kann ich Ihnen leider keine Antwort geben. Uns ging es darum, die Ressourcen zu identifizieren, die im Umgang mit multifunktionalen Medien liegen.

Es liegt nahe, dass beim Umgang mit digitalen Medien Fähigkeiten erworben werden, die sich als Medienkompetenz unmittelbar auf den Umgang mit Medien beziehen Konnten Sie feststellen, dass durch die Medienpraxis der Jugendlichen auch Fähigkeiten erworben wurden, die darüber hinausgehen?

Ulrike Wagner: Lassen Sie mich hier zwei Aspekte herausgreifen: Der Medienumgang ist eingebettet in die Peergroup, die sich sowohl face-to-face als auch in medialen Sozialräumen wie schuelerVZ oder den Lokalisten trifft. D.h. dieser Medienumgang ist immer auch soziales Handeln, in dem soziale Einbettung und Anerkennung erfahren werden können, bei dem man sich aber z.B. auch mal abgrenzen muss. Das Agieren im Freundeskreis ist also eine Verzahnung aus face-to-face-Kontakten und dem Handeln in medialen Strukturen. Hier werden natürlich Fähigkeiten erworben, die über eng medienbezogene Fähigkeiten weit hinausgehen. Gerade ältere Jugendliche, die selbst eigene Werke produzieren, entwickeln dabei z.B. auch berufliche Perspektiven. Dies kann sie bestärken, ihre eigenen Wege zu gehen und vielleicht auch Berufsbilder in den Blick zu nehmen, die – wenn sie auch nicht unbedingt immer realistisch erscheinen – ihnen ohne die Beschäftigung mit Medien nicht über den Weg laufen würden.

Zur Person
Ulrike Wagner ist seit 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin am JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Ihre Schwerpunkte: Medienkonvergenz, Umgang von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Medien. Ulrike Wagner (Hrsg.): Medienhandeln in Hauptschulmilieus. Mediale Interaktion und Produktion als Bildungsressource. München: kopaed 2008. Mehr zum Thema Individuelle Förderung mit digitalen Medien auf dem Portal qualiboXX (www.qualiboxx.de)
Die Fragen stellte Elsa Schumacher. Erstveröffentlichung und alle Rechte: Schulen ans Netz - Themendienst 01/09
Referenz: www.bildungsklick.de

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