| Buchrezension:
Rolf Werning, Michael Urban (Hrsg.) Das Internet im Unterricht mit Lernbeeinträchtigten,
Theorie, Praxis und Forschung
Verlag
W. Kohlhammer (2006) ISBN 3-17-018734-1, 28 Euro.
Mitautorinnen:
Olaf Daum, Gerhard H. Duismann, Jessica M. Löser, Helmut Meschenmoser,
Günter Piéla, Sönke Uhde, Wolf-Rüdiger Wagner,
„Das Internet gehört
zur Lebenswelt junger Menschen. Nicht alle Schülerinnen und Schüler
partizipieren jedoch in gleicher Weise von den Chancen dieses Mediums-
Gerade Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen stehen in
der Gefahr, den Anschluss an die informations- und kommunikations- technologischen
Entwicklungen zu verlieren. Hier gilt es, gerade im Bereich der Schule,
entgegenzuwirken.
Dieses Buch gibt
einen umfassenden Überblick über die Möglichkeiten und Herausforderungen
des Lernens mit dem Internet unter erschwerten Bedingungen. Dazu werden
relevante Grundlagen, konkrete Praxiskonzepte und aktuelle Forschungsergebnisse
präsentiert.“ (aus dem Klappentext)
Die Herausgeber:
Prof. Dr. Rolf Werning lehrt mit dem Schwerpunkt Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen
am Institut für Sonderpädagogik, Universität Hannover. Dipl.
Soz. Wiss. Michael Urban ist dort Wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Zum Hintergrund der
Veröffentlichung: Studien im Bereich der Neuen Medien, die Schülerinnen
und Schüler mit Lernbeeinträchtigung einbeziehen, fokussieren
nach Ansicht der Autorinnen zumeist den Computereinsatz auf den Bereich
der Nutzung von Lernsoftware und selten auf den Einsatz des Internets.
In Kenntnis dieses Mangels ist z.B. das Land Niedersachen den Weg gegangen,
im Rahmen des „n-21: Schulen in Niedersachsen online“- Aktionsprogramms
Schulen für Lernhilfe mit einzubeziehen.
Diese Entscheidung
hat sich als sehr positiv herausgestellt und hat den Grundstein gelegt
für eine Reihe von wertvollen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen
in dieser Publikation, die durch Forschungen empirisch abgesichert sind:
-
611 Schülerinnen
und Schüler der 9. Klassen an 46 Schulen für Lernhilfe in Niedersachsen
sind bezüglich ihrer Nutzungsgewohnheiten bei sehr unterschiedlichen
Internet-Zugangsmöglichkeiten befragt worden.
-
80 „Medienkonzepte“
aus Schulen für Lernhilfe, die im Rahmen des „n-21-Aktionsprogramms“
einen positiven Förder-Bescheid erhielten, sind untersucht und 10
davon in die nähere Betrachtung genommen worden.
Hier zunächst im
Überblick einige der wichtigsten Forschungsergebnisse:
-
Alle Schülerinnen
und Schüler haben in der Schule die Möglichkeit, das Internet
zu nutzen. 20 % der Jugendlichen nutzen das Internet ausschließlich
innerhalb der Schule. Die Mehrzahl der Jugendlichen nutzt das Internet
bei Freunden (45,8%), etwas seltener zu Hause (41,8 %). Rund ein Fünftel
(21,6 %) der befragten Jugendlichen gab an, das Internet in Internetcafés
zu nutzen.
-
Während 58 Prozent
der Jugendlichen zu Hause keinen Internet-Zugang haben, haben, verringert
sich diese Zahl bei der Frage der Nutzung eines PC zu Hause ohne Internet-Zugang.
Immerhin noch 27 Prozent der Familien haben weder PC noch Internet.
-
Die Internetnutzung
der Mädchen bleibt häufiger auf die Möglichkeiten beschränkt,
die die Schule bietet (25,1% zu 15,6% bei Jungen)
-
Bei der außerschulischen
Nutzung des Internet stehen freizeitliche Aspekte im Vordergrund: Musikgruppen
(62%), Sport (32%), Fernsehserien (35%). 44,1% der befragten Schülerinnen
und Schüler geben an, noch keine Tagesnachrichten oder auch die Informationen
der Bundesagentur für Arbeit genutzt zu haben.
-
Während 63,4% der
außerschulischen Nutzer angeben, Suchmaschinen oft bzw. hin und wieder
zu nutzen, tun dies nur 36,8% der innerschulischen Nutzer.
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Etwa 60% der außerschulischen
Internetnutzer und 50% der innerschulischen schreiben E-Mails, 80% (70%
der innerschulischen Nutzer) chatten, also relativ hohe Prozentanteile.
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Für 63,9% (60,8%
innerschulisch) der Jugendlichen hat die Bedeutung von Lesen und Schreiben
durch die Internetnutzung zugenommen.
-
Schwierigkeiten bei
der Internet-Nutzung (Mehrfachnennungen waren möglich): 26% wegen
schwieriger Wörter, 23,5% wegen Unübersichtlichkeit, 23,1% wegen
der Informationsfülle, 15,3% wegen langer Texte.
Diese Ergebnisse sind
überwiegend selbsterklärend, zum Teil aber im Detail überraschend.
Die Jugendlichen der Schule für Lernhilfe haben kein „Technologiedefizit“,
wobei Mädchen die schulische Einführung des Internet wichtig
ist. Das Internet gehört für viele Schülerinnen und Schüler
zur alltäglichen Lebenswelt. Der nicht-schulische Umgang macht sie
zu differenzierteren Nutzern. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass der
Umgang mit dem komplexen Medium nicht einfach ist und von der Schule (neue)
didaktische Konzeptionen erfordert.
Zu dieser „Konzept-Entwicklung“
und „Konzept-Förderung“ will die vorliegende Publikation beitragen.
-
Zum einen durch die
Vorstellung von gelungenen Praxisbeispielen (u.a. Helmut Meschenmoser –
systematische Internetrecherche – Berlin - oder Günter Piéla
– Medienecken und schulisches Internet-Café – St. Augustin/NRW).
-
Zum anderen aber auch
durch die Formulierung von Schlussfolgerungen aus den Forschungsergebnissen
entlang der Leitaspekte „Technische Medienkompetenz/Lern- und Arbeitsstrategien“,
„Motivation, Lebensweltbezug, lebenspraktisches Lernen und Eigenwelterweiterung“
sowie „Kollaboratives Lernen“.
Es ist eine rundum gelungene
Publikation entstanden, die auf viele bisher offene Fragen eine Antwort
geben kann und mit dazu beiträgt, eine Didaktik der effektiveren Internetnutzung
von Lernbeeinträchtigten anzuregen und zu entwickeln, um der drohenden
digitalen Spaltung in der Gesellschaft entgegenzuwirken.
(Wolfgang Schmitt-Kölzer)
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