„Möglichkeiten und Gefahren neuer Technologien für Personen mit Lernbehinderungen“ - Expertise für den Europarat

Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung (Referat Vb1, Dr. Haines) hat ein Mitarbeiter des Arbeitskreises Computer eine Expertise für den Europarat mit dem Titel „Möglichkeiten und Gefahren neuer Technologien für Personen mit Lernbehinderungen“ im Rahmen des Gesamtprojektes „Einfluß neuer Technologien auf die Lebensqualität von Personen mit Behinderungen“ erstellt. Hier Auszüge aus dieser Expertise:

Vorbemerkung: Ich benutze den Begriff Lernbehinderung als Oberbegriff für ein stark differziertes Feld in den Abstufungen 

  • Lernschwäche, 
  • Lernbeeinträchtigung, 
  • Lernbehinderung. 
(eine fundierte Begriffsdifferenzierung wird vorgenommen in: Informationen für die Beratungs- und Vermittlungsdienste der Bundesanstalt für Arbeit (ibv), 6/98, Autor: Dr. Peter Schopf)

Vorteile/Möglichkeiten
Das Feld „Lernen“

Das Feld Lernen ist hier breit gefächert – Primarbereich, Sekundarbereich, Berufsschule, Förderunterricht im Rahmen der Berufsausbildung, Selbstlernen, arbeitsplatznahes Lernen. Der Begriff der Neuen Technologien ist hier eng verbunden mit dem Computer und anderen Mitteln, die auf die computergesteuerte Arbeitswelt vorbereiten oder diese simulieren. Alle diese Anwendungen sind heute überwiegend positiv besetzt.

Neuere Forschungen haben gezeigt, daß es durch den Einsatz computergesteuerter Trainingsprogramme zu einer Steigerung der Fähigkeiten im Bereich von Sprache, Lesen, Rechtschreibung und auch Rechnen kommen kann. Das räumliche Denken sowie Fachkompetenzen können gefördert werden. Durch die Nutzung geeigneter Lernsoftware können nach Kerres (M.Kerres, Multimediale und telemediale Lernumgebungen, Konzeption und Entwicklung, Oldenbourg-Verlag 1998) lernbehinderte Personen die größte Erfolgszuwächse verzeichnen. Da der Computer darüber hinaus die Möglichkeit bietet, Realität über Bilder, Grafiken und Töne zu simulieren, fungiert das neue Medium als Bindeglied zwischen unmittelbarer Anschauung und kognitivem abstrakten Denken und schließt so eine Lücke, die das bisherige traditionelle Lernen nicht füllen konnte. 
Hier ist schon der moderne Multimedia-Computer angesprochen, der vor allem Lernbehinderte in ihrem Lernen unterstützt. Mit verschiedenen Medientypen werden unterschiedliche Formen der Wahrnehmung angesprochen, gleichzeitig aber auch die primäre Ansprache über die Bildebene, die für Lernbehinderte die wichtigste ist, sichergestellt. Auf diese Weise wird der zu lernende Stoff besser verarbeitet und behalten. Die elektronische Bild- und Informationswelt kommt den Anforderungen und Lernvoraussetzungen lernbehinderter Jugendlicher entgegen und kann ihr Interesse und ihre Motivation, zu lernen, steigern. Neben der schon erwähnten Sprach- und Sachkompetenz ermöglicht der Einsatz der Computer- inklusive moderner Netzwerktechnologie den Aufbau von Informationskompetenz - eine Schlüsselqualifikation moderner Prägung auf dem Weg in die lnformationsgeselschaft. Lernbehinderte und Bildungsmüde anzusprechen, ist das Anliegen der Internet- Cafés, die von der Arbeitsverwaltung gefördert werden. Hier wird ein eher spielerischer Einstieg in die modernen Kommunikationstechniken geboten.

Neben diesen eher Lernaspekten sind die sozialen Aspekte nicht zu vernachlässigen. Aus meiner praktischen Arbeit kann ich sagen, daß die Nutzung des Computers bei lernbehinderten Kindern und Jugendlichen zu einer Stärkung ihrer Kompetenzen führen kann. Genannt sein sollen die Ich-Kompetenz (Selbstwertgefühl) und die Sozialkompetenz (Sozialprestige, Anerkennung). Durch gemeinsames Lernen am Computer können die Jugendlichen wichtige Erziehungs- und Sozialziele erreichen. Gesellschaftspolitisch ist es wichtig, Lernbehinderte an den Neuen Technologien teilhaben zu lassen, weil sie sonst erneut und damit doppelt benachteiligt wären.

Lernen ist auch Vorbereitung auf die Arbeitswelt und Bewältigung der Arbeitswelt - auch hier sind die Neuen Technologien hilfreich. Als Beispiele seien hier kleine CNC-Maschinen genannt, an denen relativ lebensecht auf die großen Maschinen vorbereitet werden kann. Diese positive Nutzung der Neuen Technologien ist heute im Arbeitslehrebereich von Sonderschulen, aber auch in der Benachteiligtenförderung anzutreffen. Gelegentlich ist diese Nutzung eingebettet in das Umfeld neuerer Lernmethoden wie etwa der Projektmethode (Gesellschaft für berufliche Bildung Solingen oder im Bremer Modellversuch "Benno").

Vorbereitung auf die Arbeitswelt bedeutet auch, daß sich Lernbehinderte - mit Unterstützung - um einen Ausbildungsplatz oder Arbeitsplatz bemühen. Die Möglichkeiten der Neuen Informationstechnologien sind auch hier äußerst positiv einzuschätzen. Dank der Aktion "Schulen ans Netz" haben heute viele Schulen Zugang zum Internet und nutzen die Möglichkeiten der Arbeitsverwaltung - die Online-Lehrstellensuche bzw. Online-Stellensuche.

Im Feld "Arbeit" ist der Nutzen der Neuen Technologien für Lernbehinderte nicht so offensichtlich. Sie werden in diesem Bereich eher als Nachteil/Bedrohung zu sehen sein. Die moderne Arbeitswelt vernichtet nach und nach die Chancen von Ungelernten, die zu einem großen Teil mit den Lernbehinderten identisch sind. Sollen die Lernbehinderten an qualifizierten Arbeitsplätzen zum Zuge kommen, bedarf es besonderer Anstrengungen, die oft aus Kostengründen nicht zustande kommen.

Besonders hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang als positives Beispiel den weiter unten (Modellprojekte und Praxisbeispiele) genannten hessischen Modellversuch: Ausbildung zum/zur Werkzeugmaschinenspaner/in (Drehen-CNC - Fräsen-CNC).

Durch diesen Modellversuch wurden die Grundlagen gelegt für inzwischen etablierte Berufe für Lernbehinderte in der Metallindustrie. Damit gelang eine Überarbeitung der bestehenden Berufsbilder nach § 48 Berufsbildungsgesetz im Metallbereich unter Berücksichtigung der modernen industriellen Realität und im Blick auf die Verbesserung der Arbeitsmarktchancen für Lernbehinderte. Großer Wert wurde dabei auf die Durchlässigkeit zur Regelberuf "Zerspanungsmechaniker" gelegt, um hier nicht einen Sonderberuf' zu schaffen.

Nachteile/Bedrohungen
Im Feld „Lernen“ sind die Nachteile eher als zweitrangig zu sehen. Es sei aber auf kritische Aspekte im Zusammenhang etwa mit multimedialen Anwendungen hingewiesen:
 

  • Multimediale Lernprogramme stellen höhere Anforderungen an die Aufmerksamkeit der Benutzer/-innen, da sie sich auf unterschiedliche Informationsquellen konzentrieren müssen.
  • Multimedia-Programme können sich auf den Lernerfolg nachteilig auswirken, wenn die Informationsangebote schlecht aufeinander abgestimmt sind – z.B. angebotene Erläuterungen nicht mit dem sichtbaren Text übereinstimmen.
  • Mit Multimedia-Programmen wird eine offene Lernumgebung geschaffen, die auf Grund der Interaktionsmöglichkeiten eher für erfahrenere Lernende geeignet ist.


Nachteile ergeben sich für Lernbehinderte auch im privaten Bereich – etwa für Selbstlernaktivitäten mittels moderner Medien – weil Bildungsbenachteiligung und soziale Benachteiligung oftmals eng zusammenhängen und die finanziellen Ressourcen für solche Aktivitäten nicht ausreichen oder andere Prioritäten gesetzt werden.

Im Feld „Arbeit“ sind die größten Bedrohungen für die Gruppe der Lernbehinderten festzustellen. Computergesteuerte Maschinen wie CNC-Parks, programmierte Steuerungsanlagen oder Industrieroboter vernichten Arbeitsplätze nicht nur von Ungelernten. Es entstehen völlig neue Ausbildungsberufe wie etwa der des Mechatronikers. Hier sind Lernbehinderte allerdings völlig chancenlos.
Hier liegt eine ganz große gesellschaftspolitische Aufgabe, dem entgegenzuwirken. Wenn wir allerdings davon ausgehen, daß wir uns von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft bewegen, deren Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebenswelt erst in Ansätzen sichtbar werden, lassen sich die Bedrohungen für die Gruppe der Lernbehinderten nur erahnen.

Zum Schluß ein Blick auf Modellprojekte und Praxisbeispiele:

Lernbehinderte:
Modellprojekte in den 80er Jahren:

Neue Technologien in der An- und Verwendung von lernbehinderten Jugendlichen im Übergang von der Schule in die Berufsbildung – COMPASS – (BLK-Schleswig-Holstein 1986-1990)

Informationstechnische Grundbildung an Schulen für Lernbehinderte und Schulen für Erziehungshilfe – GRISO – (BLK-NRW 1987-1990)

Selbstgesteuertes Lernen mit Computern – SELECT – (Walter Friedländer Bildungswerk – Berlin 1986-1988)

Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnolgien in der Berufsvorbereitung und Berufsausbildung benachteiligter Jugendlicher – NIK (IMBSE Moers 1986-1988)

Modellprojekte und Praxisbeispiele in den 90er Jahren:

Modellversuch: Ausbildung zum/zur Werkzeugmaschinenspaner/-in (Drehen-CNC – Fräsen-CNC). Laufzeit: 64 Monate – Abschluß 31.12.1993 – finanziert vom Bundesinstitut für Berufsbildung und vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Europaangelegenheiten. Träger: Bildungswerk der hessischen Wirtschaft. Dieser Modellversuch wurde in 5 hessischen Betrieben durchgeführt.

Modellversuch: Betriebliche Ausbildung in Elektroberufen für Sonderschulabsolventen/-innen und Hauptschulabgänger/-innen – Einsatz von multimedialem Lernen in der Ausbildung. Laufzeit: 1992-1997. Träger: Bildungswerk der hessischen Wirtschaft. Beteiligt waren 23 Betriebe und 5 Berufsschulstandorte. Die Jugendlichen entwickelten mit fachlicher Unterstützung ein eigenes multimediales Lehr-Lern-Buch.

Praxisbeispiel: Im Schweriner Ausbildungszentrum entwickelten lernbeeinträchtigte Auszubildende ein Multimedia-Modul mit dem Titel: „Wartung, Instandsetzung und Fehlersuche an einer Metall-Schutzgas-Schweißanlage“. Der Einsatz von Multimedia hat die Ausbildungsmethodik angereichert und den Jugendlichen zu Schlüsselqualifikationen moderner Prägung verholfen.

Praxisbeispiel: Das heidelberger institut beruf und arbeit, der Fortbildungsträger der Benachteiligtenförderung hat seit 1997 bereits 6 fünftägige Internet-Workshops durchgeführt. Die Teilnehmer/-innen lernten die wesentlichen Internet-Dienste kennen, um auf dieser Basis problem- und praxisorientiert zu erkunden, was das Internet für die Benachteiligtenförderung zu bieten hat. 
Die in den Fortbildungen gewonnenen Erkenntnisse ließen inzwischen in die Arbeit mit den Auszubildenden ein.

Körperbehinderte:

Modellversuch: Am 1. Februar 1996 begann, gefördert aus Mitteln der Länder Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (Kosten: 500 000 DM) der Modellversuch „Erprobung eines Spracherkennungssystems in der Sonderpädagogik – ESSo“. Das Spracherkennungsprogramm DRANGONDICTATE wird an jeweils drei Schulen in Rheinland-Pfalz und in Mecklenburg-Vorpommern erprobt. In den folgenden Bereichen wird das System eingesetzt:
 

  • Motorische, insbesondere Muskelerkrankungen und Querschnittslähmungen
  • Sensorische, insbesondere Sehbeeinträchtigungen
  • Hirnorganische
  • Sprachliche und
  • Kognitive Beeinträchtigungen


(Weitere Informationen über ESSo: Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung Rheinland-Pfalz, Referat 15523 (Neue Kommunikationstechniken und Unterrichtsmedien), Mittlere Bleiche 61, 55116 Mainz)

Wolfgang Schmitt-Kölzer 

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