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Gastbeitrag
Virtuelle
Lehrerfortbildung
Hans
Jecht, Niedersächsisches Landesinstitut für Fortbildung
und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (NLI), Abteilung
Berufliche Schulen, Keßlerstraße 52, 31141 Hildesheim, Telefon
05121-1695247, eMail: Hans.Jecht@t-online.de
Das Internet bietet technische
Lösungen für neue Formen von Bildungsangeboten. Das öffentliche
Interesse, das diesem Medium entgegen gebracht wird, ist groß, und
ebenso groß sind die Hoffnungen und Erwartungen, die mit dieser Technik
im Bildungsbereich verknüpft werden. Innovative Unternehmen, Bildungseinrichtungen
und Behörden befassen sich inzwischen intensiv mit Fragen telemedialen
Lernens über das Internet. Die Bedeutung dieser Thematik darf
von Institutionen der Lehrerfortbildung nicht übersehen werden.
Probleme
der herkömmlichen Lehrerfortbildung
Die rasante Entwicklung
des Internets eröffnet heute eine neue Alternative der Lehrerfortbildung:
die virtuelle Lehrerfortbildung. Vor dem Hintergrund von Problemen, die
bei der herkömmlichen Lehrerfortbildung auftreten können, sollte
diese Option von Lehrerfortbildungsinstitutionen als Ergänzung des
konventionellen Angebotes ins Auge gefaßt und in konkrete Maßnahmen
umgesetzt werden:
-
Die herkömmliche Lehrerfortbildung
ist abhängig von der Zeit: Zentrale Lehrerfortbildungsveranstaltungen
können nicht immer Rücksicht auf schulische Belange (Vorrang
der Unterrichtsversorgung, Prüfungen usw.) oder familiäre Dispositionen
nehmen.
-
Die herkömmliche Lehrerfortbildung
ist abhängig vom Ort: Zentrale Lehrerfortbildungsveranstaltungen,
die z.T. einen Planungsvorlauf von über einem Jahr haben, sind mit
einem erheblichen organisatorischen Aufwand und hohen Kosten verbunden
(z.B. Reisekosten, Übernachtungen, Verpflegung, Referentenhonorare).
Da die Teilnahme i.d.R. begrenzt ist, kann dies bedeuten, daß fortbildungswillige
Lehrkräfte von der Teilnahme ausgeschlossen werden müssen.
-
In der beruflichen Bildung entstehen
durch den rasanten wirtschaftlichen Strukturwandel immer wieder neue
Berufe und gleichzeitig müssen ständig neue fachliche Inhalte
in bestehenden Berufen unterrichtet werden. Dafür notwendige zentrale
Lehrerfortbildungsveranstaltungen können aufgrund finanzieller Restriktionen
nicht immer in der notwendigen Anzahl durchgeführt werden. Die Reichweite
der konventionellen Maßnahmen kann somit häufig als zu
gering angesehen werden.
Der
Begriff der virtuellen Lehrerfortbildung
Vor dem Hintergrund verschiedener
Probleme der herkömmlichen Lehrerfortbildung wird der Virtualisierung
in der Lehrerfortbildung -analog ähnlichen Entwicklungen in der betrieblichen
Weiterbildung und im Hochschulbereich - eine stark wachsende Bedeutung
prophezeit. Unter der virtuellen Lehrerfortbildung (im folgenden VLFB)
wird die Nutzung und Bereitstellung multimedialer, interaktiver Dienste
i.d.R des Internets für die Lehrerfortbildung verstanden. Die virtuelle
Lehrerfortbildung kann aufgefaßt werden als eine quasi multimediale
Lernumgebung, die eingebunden in Telekommunikationsnetze ist. Der sich
fortbildende Lehrer kann mit Materialien auf Internetservern arbeiten,
mit Medien auf entfernten Rechnern oder mit anderen Lehrern kommunizieren.
Die virtuelle Lehrerfortbildung ist also eine Art interaktives, computergestütztes
Fernlernen, das die Möglichkeiten des Selbststudiums am PC mit den
Vorzügen einer zeitnah organisierbaren Betreuung und einer zeitnahen
Kommunikationsmöglichkeit mit anderen Lehrern verbindet: Bewährte
Internettechniken werden
in ein pädagogisch durchdachtes Lehrerfortbildungskonzept integriert.
Virtuelle
Lehrerfortbildung
Lehrerfortbildung
in neuer Form
Studienbriefe/
Leittexte
auf WWW-Servern oder über E-Mail |
E-Mail-Service
für Nachrichten |
Screensharing
(Kopplung der Bildschirme des Teilnehmers und des Tutors) |
elektronische
Fragebögen |
Ausgestaltungskonzepte
einer virtuellen Lehrerfortbildung
Im Rahmen der VLFB sind
theoretisch (!) verschiedene Fortbildungsszenarien denkbar:
-
Der Aufbau eines Bildungsservers
ist die erste Stufe einer VLFB und notwendige Grundlage aller weiteren
denkbaren Szenarien. Als Informationsplattform dient er einer schnellen
und umfassenden Informationsbereitstellung, die von allen anBildungsfragen
Interessierten abgerufen werden können. Gleichzeitig entwickeln sich
die Bildungsserver immer mehr auch zu Kommunikations- und Kooperationsplattformen.
-
Wird die VLFB als Teleteaching
betrieben, sind die Lehrer räumlich vom Fortbildner getrennt und zunächst
nur rezipierendbeteiligt. Der Aspekt der Wissensvermittlung durch den Fortbildner
steht im Vordergrund, dabei findet eine interpersonelle Interaktion ohne
zeitliche Verzögerung statt (synchrone Kommunikation zwischen entfernten
Personen). Ein typisches Beispiel ist die Übertragung eines Vortrages.
Aufgrund der Einwegkommunikation, die auch nur zu einem bestimmten Zeitpunkt
erfolgt, ist dieses Szenario im Rahmen der VLFB nur in Ausnahmefällen
denkbar.
-
Wenn die VLFB als open-distance-learning
durchgeführt wird, werden Fortbildungsangebote zur Verfügung
gestellt, die individuelle Fortbildungsinteressen und –aktivitäten
einzelner Lehrkräfte ansprechen. Diese können auf solche “offenen“
Angebote kurzfristig zugreifen, wenn sich bestimmte berufliche Qualifikationsanforderungen
ergeben („just-in-time“-Fortbildung, Fortbildung „on demand“). Die Fortbildungsinhalte
werden in Informationsdatenbanken, die modular aufgebaut sind, angeboten,
auf die zu beliebigen Zeiten zugegriffen werden kann.
-
Bei der Variante des Teletutoring
finden Fortbildungsaktivitäten zwischen Lehrkräften und einer
betreuenden Person (hauptamtlicher Fortbildner oder Kursleiter) statt:
Lehrkräfte erarbeiten sich also unter Nutzung von Werkzeugen der Telekommunikation
unter Anleitung ein Thema offline und online. Dabei kommt es zu einer getakteten
Verteilung von Materialien und Lernaufgaben. Vorteilhaft ist einerseits,
daß die Lehrkraft von einer betreuenden Instanz unterstützt
wird, andererseits, daß in kleineren Gruppen – deren Mitglieder an
unterschiedlichen Orten über das Netz verteilt sind – gemeinsame Aufgaben
z.B. in Projekten bearbeitet werden können.
Funktionsweise
einer internetbasierten virtuellen Fortbildungsumgebung
Beim Aufbau einer virtuellen
Fortbildungsumgebung müssen folgende Ziele angestrebt werden:
-
Verteilter und zeitunabhängiger
Zugriff zu den kompletten Materialien der Fortbildung: Die Lehrkräfte
sollen jederzeit Zugriff auf Skripte, Folien, Programmierbeispiele, Referenzen,
Online-Bücher, Programme, Beispiele, Übungsaufgaben etc. haben.
-
Verfügbarkeit einer Arbeitsplatzumgebung
und Diskussionsmöglichkeiten: Die Lehrkräfte sollen jederzeit
(auch zu Hause) auf eine Arbeitsumgebung zugreifen können, mit der
sie ihre Übungen durchführen können. Ferner sind elektronische
Kommunikationsmedien einschließlich der Möglichkeit zur Diskussion
erforderlich, mit denen ein Austausch mit anderen Teilnehmern über
veranstaltungsbezogene Probleme ermöglicht wird.
-
Persönliche Betreuung:
Die Lehrkräfte benötigen einen persönlichen Mentor, der
ihre Arbeit individuell betreut. Ziel der virtuellen Fortbildungsumgebung
ist es, eine flexible und zeitunabhängige Form der Kommunikation zwischen
Mentor und Lehrkraft zu ermöglichen.
-
Verbesserung der Lerneffizienz
und Förderung von Gruppenarbeit: Kleine Lerngruppen innerhalb der
virtuellen Fortbildungsumgebung ermöglichen es den Lehrkräften,
ihre Fortbildungseffizienz zu steigern und die Fähigkeit, in Gruppen
zu arbeiten, aufzubauen.
Bei der Realisierung
dieser Ziele müssen den Lehrkräften eine Arbeitsplatzumgebung
bereit gestellt (Freeware) werden, die einen Web-Browser, eine komplette
Entwicklungsumgebung sowie Mail-und News-Tools enthält. Damit kann
lokal und über eine Modem-/ISDN-Verbindung auch von entfernten Arbeitsplätzen
aus gearbeitet werden.
Auf den WWW-Seiten des Fortbildungsinstituts
(Bildungsserver) stehen Materialien wie z.B. Folien, Skripte und Übungsaufgaben
jederzeit abrufbereit. Darüber hinaus erlaubt dieses Konzept, auch
Online-Tutorials, Referenz-Manuals, Programmiertips, Bücher und
Referenzen zur Verfügung
zu stellen, mit denen der Kurs nachbereitet werden kann bzw. die bei der
Lösung von Übungsaufgaben benutzt werden können.
Um Gruppenarbeit effektiv
zu unterstützen, sollten sich die Teilnehmer der Fortbildung in Gruppen
bis zu vier Lehrkräften zusammenfinden. Die Kommunikation innerhalb
der Gruppen kann bei persönlichen Treffs stattfinden oder per email:
Jeder hat seine eigene email-Adresse und auch die Gruppe selbst hat eine
email-Adresse (Mail an diese Adresse wird automatisch zu jedem Mitglied
der Gruppe geschickt: E-mail-Liste). Das impliziert, denken wir z.B. an
den Lehrer zu Hause an seinem PC, daß ein Austausch mit anderen Teilnehmern
und Gruppenmitgliedern jederzeit per email stattfinden kann.
Eine individuelle Betreuung
der Lehrkräfte wird gewährleistet, indem jeder Gruppe ein persönlicher
Mentor zugeteilt wird, der die Arbeit begleitet und für Fragen und
zu den Übungsaufgaben per email zur Verfügung steht. Darüber
hinaus sollte ein Expertennetz eingerichtet werden, das es ermöglicht,
Experten zu bestimmten Themengebieten zu erreichen und Hilfestellungen
zu erhalten.
Eine gruppenübergreifende
Diskussion findet fortbildungsbegleitend ebenfalls online statt: in newsgroups
oder Chat-Foren können Ankündigungen des Fortbildungsinstituts
zur laufenden Fortbildung gelesen werden und Fragen zum Thema oder
zu den Aufgaben diskutiert werden.
Der wesentliche Unterschied
der virtuellen Fortbildung zu konventionellen Maßnahmen der Lehrerfortbildung
liegt in der Vernetzung der Lehrkräfte mit dem Bildungsträger,
der den zentralen Server zur Verfügung stellt. Diese Verbindung wird
über einen Internet-Zugang hergestellt. Sie erlaubt es den Teilnehmern,
von eigenen oder schulischen Rechnern aus jederzeit auf die in der
Fortbildungszentrale abrufbaren Materialien zuzugreifen: Diese können
linear aufgebaut sein (wie Lehrbücher), teilweise sind sie verzweigt
bzw. vernetzt und müssen interaktiv abgearbeitet werden. Aufgaben
sind allein oder in Gruppen zu bearbeiten und werden von entfernten Tutoren
betreut sowie ausgewertet: den Teilnehmern steht also ein ständiges
Feedback von fachlich spezialisierten Referenten zur Verfügung.
Ein nicht unwesentlicher Baustein der VLFB sind Präsenzphasen (Workshops,
Präsentationen,Prüfungen), bei denen die persönliche Kommunikation
im Vordergrund steht.
Das Lehrerfortbildungsinstitut
unterstützt die Lehrkräfte bei ihren Aktivitäten. Es produziert
gemeinsam mit Fachexperten (aber auch mit den fortzubildenden Lehrkräften)
Fortbildungsmaterialien und plant systematisch aufbauende, modularisierte
Fortbildungsangebote.
Der VLFB liegt ein konstruktivistisches
pädagogisches Konzept zugrunde, das authentische und komplexe Aktivitäten
in dem Fortbildungsprozeß vorsieht. Diese authentischen Aktivitäten
bilden die Handlungsweise in der realen Welt nach: Eine Vielzahl von Zusammenhängen
besteht, der Kontext der Aufgabenstellung ist komplex und die Auswirkungen
des eigenen Handelns müssen berücksichtigt werden. Außerdem
sollen diese Aktivitäten einen Teil der Verantwortung für das
Lernen und die Durchführung von Übungen und Projekten von den
Fortbildenden auf die Lehrkräfte übertragen. Während die
Lehrkräfte an ihren Aufgaben arbeiten (in einer „realen Situation''),
müssen sie sich das notwendige Wissen und die Fertigkeiten (zumindestens
teilweise) selbst aneignen.
Passives Konsumieren des
zugrundeliegenden Lernstoffs ohne jegliche kritische Reflexion wird so
für die Lehrkraft deutlich erschwert, bzw. das Interesse der Lehrkraft
für ihre Aufgaben und daher für die notwendigen Grundlagen verstärkt.
Des Weiteren wird durch komplexe Aufgabenstellungen gewährleistet,
daß sich die Lehrkräfte eine Vielzahl eigener Gedanken über
die Aufgaben und ihre Lösung machen und sind dann dementsprechend
besser vorbereitet, sich den in der Welt vorkommenden Aufgaben zu stellen.
Die Aufgabe eines Fortbildners
in diesem Szenario ist es, die Lehrkräfte als Mentor zu betreuen und
ihnen die grundlegenden Zusammenhänge und Anfangsfertigkeiten zu vermitteln,
die zur Aufgabenbearbeitung notwendig sind, sowie die Aufgaben so auszuwählen,
daß sie (im Rahmen einer Fortbildung) die wesentlichen Konzepte des
Lehrinhalts widerspiegeln.
Während Abstraktion
auf ein einziges Konzept natürlich notwendig ist und kleinere Übungen
benutzt werden können, um spezielle Themen darzustellen und zu diskutieren,
kann projektbasiertes Lernen eingesetzt werden, um die Komplexität
einer Aufgabe der realen Welt widerzuspiegeln. Der globale Kontext des
Projekts bestimmt die Perspektive der Lehrkräfte auf ihre Aufgabe,
Teilaufgaben in einem kleineren Kontext werden zur Anleitung und Führung
innerhalb des Fortbildungsprozesses genutzt. Die Fähigkeit, verschiedene,
alternative Gesichtspunkte eines Problems zu sehen, ist ebenfalls ein zentraler
Punkt für das Durchführen solcher Projekte. Die Zusammenarbeit
der Lehrkräfte in Teams und die Diskussion von Teams untereinander
unterstützt den gegenseitigen Austausch und Diskussion über verschiedene
Lösungsansätze.
Das Lehrerfortbildungsinstitut
stellt sowohl den Kontext und die Motivation für die von den Lehrkräften
durchzuführenden Projekte als auch die benötigten Lehrmaterialien
zur Verfügung. Die Projekte sind so ausgewählt, daß eine
gewisse Basis an Wissen und Techniken benötigt wird (und erlernt werden
soll !), um die Projekte durchzuführen sowie zusätzliches, weiterführendes
Wissen über spezialisiertere Probleme. Tutoren bzw. die Gruppenmitglieder
helfen den Lehrkräften, indem sie ihre Fragen beantworten oder ihre
Lösungen kommentieren. Im Idealfall ist das ein Just-In-Time-Beantworten
der Fragen: Wenn die Lehrkräfte Fragen entwickeln oder auf Probleme
stoßen, sollen sie schnellstmöglich jemanden finden, der ihnen
weiterhilft. Die Teilnehmer werden dazu angehalten, ihre Ansätze und
Lösungsvorschläge mit den anderen Teilnehmern zu diskutieren.
Zusätzlich benötigen
die Lehrkräfte Zugriff auf eine Wissensbank, die Lehrmaterial, weiterführende
Informationen, Problemlösungsstrategien usw. enthält. Diese Materialien
sollten in der Wissensbank idealerweise anhand von Fallbeispielen geordnet
sein, bzw. solche zumindest enthalten. Beispielfälle oder schon gelöste
Projekte mit vollständigen Lösungen, Materialien und Strategien
enthalten die Informationen, die die Lehrer zur Projektbearbeitung benötigen.
Wenn Lehrer diese Wissensbank erweitern, wird sie auch als Repository
für bereits durchgeführte Projekte dienen. Die Rolle der Tutoren
setzt voraus, daß die Lehrer sie auch außerhalb bestimmter
Sprechzeiten erreichen können. Genauso macht eine wie oben geschilderte
Wissensbank nur dann wirklich Sinn, wenn sie durchgängig von den Lehrkräften
eingesehen und benutzt werden kann; Teamarbeit an Problemen in einem wirklichkeitsgetreuen
Umfeld kann nicht durch fehlende Kommunikation unterbrochen werden. Die
Lösung all dieser Punkte ist entscheidend für die Realisierung
konstruktivistischer Lernumgebungen und kann (insbesonders bei großer
Teilnehmerzahl) normalerweise nicht hinreichend in einer traditionellen
Lernumgebung erfüllt werden.
Exemplarisches
Szenario eines virtuellen Lehrerfortbildungskurses
Im folgenden soll der mögliche
organisatorische Ablauf eines virtuellen Lehrerfortbildungskurses kurz
skizziert werden:
Für eine effektive
Durchführung sollte die virtuelle Lehrerfortbildungsveranstaltung
in einem festen Zeitraster
absolviert
werden. Natürlich hat schon eine Veranstaltung ohne festen Zeitrahmen
- Materialien werden zu einem bestimmten Zeitraum einmal fertiggestellt,
der Lehrer (jeder, der Zugang zu dem Server besitzt) kann auf sie
in einem beliebigen Zeitraum zugreifen - unbestreitbare
Vorteile. Der Ablauf in einem festen Zeitschema erfüllt jedoch
weit mehr pädagogische Ansprüche. Nur bei dieser Form kann es
zu sinnvollen Diskussionen in Gruppen mit vergleichbarem Wissensstand kommen.
Der Austausch der Teilnehmer und ihrer Betreuer kann als äußerst
wichtig für die Effektivität der virtuellen Kurses angesehen
werden.
Der virtuelle Kurs beginnt
mit einer einführenden Präsenzveranstaltung.
Hier wird der Ablauf des Kurses besprochen. Vor allem aber ist die Erläuterung
der technischen Basis notwendig, damit die Teilnehmer die technische Verbindung
mit dem Bildungsserver des
Lehrerfortbildungsinstituts
herstellen können. Ein weiterer nicht unwichtiger Grund
für diese - i.d.R. eintägige - “Kick off”-Veranstaltung
ist die Ausgabe von Benutzungsberechtigungen, Paßwörtern für
geschlossene Benutzergruppen usw., die persönlich nach Legitimationsprüfung
erfolgen sollte, um Mißbräuchen vorzubeugen. Vorteilhaft ist
ebenfalls die Gelegenheit für das Kennenlernen der Lehrer untereinander
und der Betreuer.
Der weitere Kurs findet dann
unter Nutzung des Internets statt.
Die Internet-Verbindung
vom Lehrer zur Fortbildungsinstitution erfolgt über Telefonnetz/ISDN
(PPP). Voraussetzungen beim Teilnehmer sind lediglich PC, Modem und Telefonanschluß
(oder ISDN). Die Telefongebühren zahlen die Teilnehmer selbst Die
Teilnehmer bekommen z.B. monatlich einen Kursteil. Dieser kann in einer
geschlossenen Benutzergruppe auf dem Bildungsserver zur Verfügung
gestellt werden. Eine andere beachtenswerte Alternative, die den Teilnehmern
erhebliche Online-Kosten ersparen würde, wäre die Verschickung
aller Materialien als Datei-attachment per E-mail.
Ein
Kursteil kann folgende Elemente enthalten:
-
Eine Einführung
in das Thema
-
Hinweise auf vertiefende Informationen
in Form von Linklisten, die auf thematisch relevante Anbieter im
WWW verweisen. (Nicht alles muß neu geschrieben werden. Sehr viele
Informationen existieren im Internet schon.)
-
Diskussionsfragen (für
Betreuer/Gruppe/alle), die entweder in der E-mail-Liste des Kurses oder
in einem Chatraum zu bestimmten vereinbarten Terminen “live” erörtert
werden.
-
Anregungen für eigene
Aktivitäten
-
Übungsaufgaben und Fragen,
deren Antworten per Mail zurückzuschicken sind
-
Projektaufgaben
-
Natürlich können zusätzlich
auch weiterhin traditionelle Medien wie z.B. Fachliteratur in virtuellen
Kursen eine Rolle spielen, da auch diese ihre spezifischen Vorteile haben.
Die Konsultationen
mit dem Betreuer sollte vorzugsweise per E-Mail, in Ausnahmefällen
auch per Telefon oder direkt erfolgen.
Denkbar sind verschiedene
Betreuermodelle:
-
ein Betreuer für eine Teilnehmergruppe
über den gesamten Kurs (Zuordnung des Betreuers zu bestimmten
Lehrern).
-
ein Betreuer für ein Themengebiet.
Der Betreuer hat für ein Themengebiet alle Lehrkräfte und reicht
sie anschließend an den nächsten Betreuer weiter. Auf diese
Weise kann Spezialwissen optimal genutzt werden.
-
Mischformen
Auf einer Abschlußveranstaltung
kann der Kurs evaluiert werden. Wenn die Aufgaben richtig beantwortet werden,
gibt es - wie bei jedem herkömmlichen Kurs - eine Teilnehmerbescheinigung.
Wird der Kurs nicht wieder
neu aufgelegt, sollten alle Kursmaterialien - aber auch die von den Teilnehmern
erarbeiteten Projekte -(über den Teilnehmerkreis hinaus ) öffentlich
zugänglich gemacht werden.
Vorteile
einer virtuellen Lehrerfortbildung
An positiven Effekten kann
bei der Durchführung virtueller Lehrerfortbildungsmaßnahmen
erwartet werden:
-
Die VLFB ist in der Lehrerfortbildung
das Bildungssystem, auf das jeder jederzeit zugreifen kann.
-
Die VLFB ist eine interessante
Alternative für Lehrkräfte, die von konventioneller Lehrerfortbildung
nicht erreicht werden. Es llassen sich neue Zielgruppen erreichen, die
bisher keinen oder einen erschwerten Zugang zu traditionellen Angeboten
haben.
-
Die Reichweite der Fortbildungsmaßnahmen
kann erheblich ausgeweitet werden.
-
Die VLFB ermöglicht durch
die zeitliche und örtliche Flexibilisierung eine Lehrerfortbildung
auf Abruf.
-
Das Potential der neuen Medien
in der VLFB kommt unterschiedlichsten Lerntypen entgegen.
-
Unabhängigkeit von örtlichen,
räumlichen und organisatorischen Restriktionen: Die Lehrkräfte
können sich am Ort ihrerBerufsausübung oder zu Hause entsprechend
ihren persönlichen zeitlichen Ressourcen fortbilden. Sie können
lernen, wann und wie schnell sie wollen.
-
Aktive Nutzung der neuen Informationstechnologien:
Die Lehrkräfte werden gezwungen, aktiv verschiedene neue Informationstechnologien
im Rahmen ihrer Fortbildung selber zu nutzen. Hierbei können sie Erfahrungen
sammeln, die sie später an ihre Schüler weitergeben können.
-
Die VLFB fördert eine Individualisierung
der Fortbildung: Die Teilnehmer können jederzeit Kontakt mit dem fachlich
zuständigen Referenten aufnehmen. Der zeitliche Ablauf der Fortbildung
wird von der Lehrkraft selber bestimmt.
-
Die VLFB ermöglicht maßgeschneiderte
Fortbildungsangebote. Modular aufgebaute Fortbildungseinheiten können
von der Lehrkraft je nach Bedarf individuell zusammengestellt werden.
-
Eine große Chance der
VLFB liegt in der Erschließung relevanter schulischer Themen für
die Mehrfachnutzung.
-
Die zentrale Bereithaltung des
Kursmaterials bei der Lehrerfortbildungsinstitution erleichtert die Pflege
des Fortbildungsangebots. Vom Lehrer wird erwartet, auftretende Probleme
“just in time“ zu lösen. Die VLFB schafft Voraussetzungen für
einen hohen Aktualitätsgehalt der Fortbildungsinhalte.
-
Die VLFB fördert den Erfahrungsaustausch
zwischen Lehrkräften: Die Vernetzung eines Online-Lehrganges erweitert
die Möglichkeiten einer ständigen horizontalen Kommunikation
zwischen den Teilnehmern.
-
Angebote der VLFB können
Situationen erschließen, in denen andere Fortbildungsmaßnahmen
schwer durchführbar sind. Gemeint ist damit vor allem Fortbildung
am Arbeitsplatz Schule oder in der Freizeit. Bedenkt man die zunehmende
Bedeutung des lebenslangen Lernens müssen einzelne oder Gruppen von
Lehrkräften ihre Fortbildung zunehmend selbständig organisieren
und dazu Fortbildungsangebote abrufen.
-
Die Lehrkräfte müssen
ihren Arbeitsbereich nicht für die Fortbildung verlassen (aktuelle
Problem der Aufrechterhaltung der Unterrichtsversorgung).
-
Unvermeidbare Nebenkosten
herkömmlicher Lehrerfortbildung verringern sich (keine Reise- und
Unterbringungskosten usw.).
-
Angebote anderer Informationsanbieter
können durch Links integriert werden.
Nachteile
der virtuellen Lehrerfortbildung
Virtuelle Lehrerfortbildung
können evtl. zu folgenden negativen Effekten führen:
-
Vor allem bei ausschließlich
virtuell zu absolvierenden Fortbildungsmaßnahmen fehlen typische
Bestandteile, wie sie gruppendynamisch bei herkömmlichen Präsenzveranstaltungen
auftreten. Es fehlen Mechanismen zur Entwicklung einer Gruppenidentität,
sozialer Rollen und Gruppenhierarchien.
-
Ein weiterer negativer Aspekt
ist in einem Trend zur sozialen Verarmung zu sehen. Es fehlt ein
unmittelbares soziales Feedback (z.B. ist nonverbales Verhalten reduziert).
-
Eine VLFB erfordert bei den
Teilnehmern ein hohes Maß an Selbstdisziplin (mehr als bei Präsenzveranstaltungen).
Vergleichbare Maßnahmen im Hochschul- bzw. Unternehmensbereich zeigen
eine relativ hohe Abbrecherquote.
-
Manche Kenntnisse und Fertigkeiten
lassen sich nur konventionell vermitteln.
-
Der Vorbereitungsaufwand ist
sehr hoch. Das “elektronische Fortbildungsmaterial“ muß die
Abwesenheit der Referenten wettmachen können.
Neue
Anforderungen an die Teilnehmer von Lehrerfortbildungsveranstaltungen
Bei Durchführung virtueller
Lehrerfortbildungskurse sind zumindest teilweise veränderte Voraussetzungen
bei den Teilnehmern zu
erwarten:
-
Neben dem Interesse am eigentlichen
Thema muß auch die Bereitschaft vorhanden sein, sich auf neue Methoden
der Lehrerfortbildung bzw. auf neue Technologien einzulassen.
-
Grundkenntnisse in der PC-Bedienung
müssen vorhanden sein. Internetkenntnisse (wie z.B. Browserhandling)
können nach meinem Ermessen auch in der Kick-off-Veranstaltung
vermittelt werden.
-
Eine VLFB erfordert bei den
Teilnehmern einen hohen Grad an Selbstorganisation: Die Informationsflut
muß bewältigt und die eigene Zeit budgetiert werden.
-
Eine VLFB verlangt eine hohe
Eigenmotivation der Teilnehmer: Sie müssen den fehlenden direkten
sozialen Kontakt ersetzen und von sich aus immer am Thema arbeiten. Sie
dürfen ein (trotz allen technologischen Fortschritts immer noch recht
häufig auftretendes) technisches Versagen (z.B. WWW = „Weltweites
Warten“) nicht als eigenes Versagen interpretieren.
-
Die Teilnehmer müssen eine
Mindestbeteiligung (regelmäßige E-mail- oder newsgroups-Beiträge)
an den Tag legen. Eine VLFB lebt von der Interaktivität.
Die
Einführung einer virtuellen Lehrerfortbildung aus Sicht einer Lehrerfortbildungsinstitution
Lehrerfortbildungsinstitutionen
müssen sich in jedem Fall mit der VLFB auseinandersetzen. Eine Einführung
hat Folgen, die genau überlegt werden müssen. Betreibt eine Institution
VLFB mit der Propagierung und aktiven Förderung von neuen und aktiven
Techniken (wie z.B. Internet) kann es zu einer Imageverbesserung nach außen
kommen. Diese ist relevant für die Außendarstellung der Bildungseinrichtung.
Die VLFB kann aber auch zu einem erweiterten Innovationspotential führen.
Didaktische Innovationen ergeben sich durch
-
Erschließung neuer Zielgruppen
-
Erprobung und Durchführung
neuer Fortbildungsmethoden
-
Arrangierung neuer Fortbildungssituationen.
Die Effizienz der Fortbildung
wird gesteigert durch eine
-
erhöhte Arbeitsteiligkeit
(Modularisierung, Zusammenarbeit mit anderen Trägern usw.)
-
Standardisierung der Inhalte
-
vereinfachte Zugänglichkeit
Notwendig ist in diesem Zusammenhang
der Aufbau eines Unterstützungssystems für Kurse. Die kursorganisierenden
Lehrerfortbildner sowie die Personen, die die Kurse inhaltlich betreuen
sind auf Softwaremodule angewiesen, die die Durchführung virtueller
Kurse erleichtern.
Mögliche
Komponenten eines Systems der virtuellen Lehrerfortbildung
Inhaltsverwaltung
Stoffaktualisierung
Zusammenstellung
für verschiedene Zielgruppen |
Teilnehmerverwaltung
Abwicklung
der Kursanmeldungen
Regelung
der Zugangsbeschränkungen
Testauswertung |
Kommunikationsmanagement
Kontakte
zwischen Fortbildnern und Teilnehmern
Kontakte
der Teilnehmer untereinander |
Bedacht werden sollte, daß
die VLFB sich nicht ausschließlich auf das Einführen des Internets
beschränken und die didaktisch-konzeptionelle Einbindung in die Fortbildungsarbeit
nicht vernachlässigen darf. Die Lösung eines (zu bestimmenden)
Bildungsanliegen muß das eigentliche Ziel der VLFB werden
und nicht deren Implementierung. Es kann auch nicht übersehen werden,
daß die VLFB andere Formen der Fortbildungsorganisation notwendig
macht. Eine VLFB kann nicht in die Lehrerfortbildung eingeführt werden
ohne grundlegende Überlegungen zur Aufbau- und Ablauforganisation.
Die
pädagogische Arbeit in der Virtuellen Lehrerfortbildung
Die Aufgaben eines Lehrerfortbildners
in der VLFB sind sehr vielfältig:
-
Eruieren des Fortbildungsbedarfs.
-
Er muß die Fortbildungsbausteine
vorbereiten und erstellen. Eine wesentliche Aufgabe der Lehrerfortbildungsinstitute
ist es, auf die Unterrichtspraxis durch neue Verfahren und Möglichkeiten
einzuwirken. Es müssen nicht in jedem Fall neue Materialien entwickelt
werden. Häufig müssen fachlich kompetente Referenten gesucht
werden. Z.T. können auch vorhandene Materialien und Ideen aufgegriffen
und didaktisch als Lehrerfortbildungsangebot aufbereitet werden.
-
Technikfragen beantworten (er
ist trouble shooter für Informations- und Kommunikationstechnik)
-
Aufgaben korrigieren
-
Telefonbereitschaft einrichten
und halten
-
E-mails beantworten (zu Inhalts-
und Technikfragen, Teilnehmerbetreuung)
-
Chats moderieren (Chat-Leader,
Chat-Partner)
-
Präsenzkursanteile abhalten
-
Teilnehmerkontakte aufbauen
und pflegen helfen
-
Lernberatung vermitteln
-
Motivation aufbauen und stärken
Sein pädagogisches Geschick
besteht darin, die schwierige Situation des zunächst einmal nicht
personellen Lernens in der VLFB zu unterstützen und dafür Verständnis
aufzubringen. Er muß den Teilnehmern helfen, Stolpersteine aus dem
Weg zu räumen.
Zeitaufwand
für einen virtuellen Lehrerfortbildungskurs
Inhaltliche
Betreuung:
Erstellung
der Materialien
Fachliche
und inhaltliche Betreuung
Referentenbesuche
Schaffung
optimaler Rahmenbedingungen |
Organisatorische
Betreuung als eigentliche Arbeit der hauptamtlichen Lehrerfortbildner |
Erste
Erfahrungen
Im Frühjahr 1999 führte
das Niedersächsische Landesinstitut für Lehrerfort- und Weiterbildung
und Medienpädagogik (NLI) im Bereich der Beruflichen Bildung einen
ersten virtuellen Lehrerfortbildungskurs durch. Dieser ist im Internet
unter
http://nibis.ni.schule.de/~kurs9906
zu finden.
Unter dieser Adresse kann
Einsicht genommen werden in die
-
Lektionen,
-
Aufgaben
-
Lösungen
-
Auswertung des Kurses.
Der Kurs wurde insgesamt sehr
positiv beurteilt. Vorteile einer solchen Lehrerfortbildungsmethode wurden
von den Teilnehmern
-
in den großen Lernfortschritten
-
der freien Zeiteinteilung
-
der freien Arbeitsumgebung
(d.h. man konnte eigene Ideen einbringen)
-
der Arbeit mit dem Medium
Internet
-
den sofortige Antworten
auf Fragen über "e-mail"
-
das „learning by doing“
gesehen.
Negativ wurden überwiegend
-
die anfallenden Kosten
-
der große Freizeitaufwand
eingeschätzt.
Interessant ist, daß von
allen Teilnehmern eine Kombination von Präsenz- und Distanzphasen
(statt nur virtuell zu arbeiten) als ideale Form einer virtuellen Fortbildung
angesehen wird.
Virtuelle
und herkömmliche Lehrerfortbildung
Die VLFB kann nicht vollkommen
losgelöst von der konventionellen Lehrerfortbildung erfolgen. Lernen
im Netz und am PC muß sich mit herkömmlichen Präsenzformen
ergänzen. Vergleichbare Maßnahmen im Hochschulbereich zeigen,
daß die erfolgreichsten virtuellen Veranstaltungen die sind, bei
denen die Teilnehmer sich auch hin und wieder treffen. Die verschiedenen
Formen der Lehrerfortbildung sollten also nicht gegeneinander ausgespielt
werden, sondern einander ergänzend eingesetzt werden. Trotz vieler
Entwicklungen in Richtung Virtualisierung werden die klassischen Lehrerfortbildungsformen
nicht aussterben. Durch die Virtualisierung werden jedoch traditionelle
Grenzen und Verfahren der herkömmlichen Lehrerfortbildung überschritten.
Dadurch
ergeben sich vielfältige
Chancen zur didaktisch-pädagogischen Anreicherung und Belebung. (Hans
Jecht)
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