Computer-Magazin

 
Neues Lernen mit Neuen Medien
Internet und Multimedia in der beruflichen Integration Benachteiligter

von Wolfgang Schmitt-Kölzer 

(aus der Zeitschrift LERNEN FÖRDERN, Zeitschrift für Eltern, Lehrer- und ErzieherInnen, Heft 2, Juni 2004)
Auflage: 5000

Im Rahmen ihrer beruflichen Erstausbildung werden lernbehinderte, lernbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Jugendliche unterstützt. Die von der Bundesagentur für Arbeit finanzierten Angebote „Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen (BüE) und „ausbildungsbegleitende Hilfen“ (abH) berücksichtigen die besondere Situation dieser Auszubildenden und knüpfen dabei an  die Bemühungen der „berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen“ (BvB) an. 

Im Rahmen dieser Förderangebote spielt die Vermittlung von Medienkompetenz und IT-Kompetenz eine wichtige Rolle. Die Berufs- und Lebenswelt gibt dabei die Richtung vor: Informations- und Kommunikationstechniken sind Schlüsseltechniken einer Zielzahl von Berufen. Aber auch in den privaten Bereich haben diese Technologien Einzug gehalten. Vor allem das Internet hat dazu geführt, dass heute anders gearbeitet, gelernt, anders kommuniziert, gezahlt, eingekauft wird. Informationen werden anders aufgenommen und verarbeitet, das Freizeitverhalten ändert sich, so der Berufspädagoge Professor Josef Rützel. 



Medienkompetenz oder IT-Kompetenz ? (Kasten)

Dimensionen von Medienkompetenz (als 4. Kulturtechnik):

  • Technische Bewältigung und Handhabung von Medien
  • Wissen über Funktionsweise, Einsatz- und Anwendungsmöglichkeiten von Medien
  • Gestalterische Fähigkeiten im Umgang mit Medien
  • Kritischer Umgang mit Medien
Für die berufliche Integrationsförderung sind neben der „Medienkompetenz als Kulturtechnik“ noch eine Reihe von Kompetenzen aus dem Bereich der EDV- bzw. Informationstechnologie von Bedeutung. Diese haben ihre Relevanz aber in erster Linie im Bezug auf bestimmte Berufe/Berufsfelder, sind also unter berufsfachlichen Aspekten zu sehen, während die Medienkompetenz  als Grundlagenqualifizierung für alle Zielgruppen von Bedeutung ist.


Scheinbar hat in der Informations- und Wissensgesellschaft jede(r) formal betrachtet unbegrenzte Möglichkeiten, die es nur zu nutzen gilt. Prinzipiell kann jede(r) in Echtzeit an jedem Geschehen in der Welt teilhaben und mit allen Winkeln der Erde kommunizieren. Soweit die Theorie. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus und gerade Jugendliche und junge Erwachsene mit besonderem Förderbedarf kommen in der Regel nicht aus Familien, in denen Computer mit Internetanschluss selbstverständlich ist. Niedrigere Bildungsabschlüsse und geringere materielle Ressourcen bergen die Gefahr einer „digitalen Spaltung“ der Gesellschaft. Hier liegt eine besondere Verantwortung der Eingangs erwähnten Fördermaßnahmen:

  • Den Auszubildenden den Zugang zu den Neuen Medien zu ermöglichen. 
  • Eine praxisorientierte Hinführung zu diesen Techniken sicherzustellen.
  • Die Zertifizierung von Qualifizierungsbausteinen ist dabei von großer Bedeutung.
  • Die Entwicklung zielgruppengerechter pädagogischer Konzepte und didaktischer Ansätze ist erforderlich.
  • Lernarrangements, die die Entwicklung kommunikativer und sozialer Kompetenzen fördern und den Auszubildenden die Chance geben, mehr Eigenverantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen, sind wichtige Bausteine in der Ausbildung. 
  • Dabei können spielerische Ansätze den Lernprozess fördern und unterstützen.
Erfahrungen aus Modellvorhaben und Praxisbeispiele der letzten Jahre zeigen, dass es möglich ist, auch lernbeeinträchtigte Jugendliche an eine effektive Nutzung der Neuen Medien heranzuführen:

Kolumbus geht ans Netz

Bereits im fünften Jahr führt das heidelberger institut beruf und arbeit (hiba gmbh) dieses Internet-Spiel im Rahmen der ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) und der Ausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen (BüE) durch. Eine Anmeldung zu diesem E-Mail-Projekt, das ca. viermal im Jahr durchgeführt wird, ist im Internet möglich unter: http://www.hiba-seminare.de/kolumbus  Aktuell ist eine Expedition unterwegs. Anmeldungen sind für die kommenden Starttermine möglich.

Dabei spielen immer Ausbildungs-Gruppen aus ca. 5 Städten zusammen. Ziel des Spieles ist es, die Orte herauszufinden, an denen die Mitspieler/innen wohnen und zwei Berufe, auf die jede Gruppe sich geeinigt hat. Per E-Mail übermitteln sich die Gruppen verschlüsselte Information wie die folgende: „Unsere Stadt liegt in einem Bundesland, in dem früher die Schlote rauchten. Unsere Stadt liegt in einem Kreis, dessen Name ähnlich wie der einer Wurst klingt. Unser Kreis, in dem unsere Stadt liegt, grenzt an eine Stadt, in der man doch tatsächlich durch die Luft schweben kann. Den Namen unserer Stadt kennen viele Autofahrer, die von Oberhausen nach Frankfurt fahren ...“ Hier war die Stadt Hilden zu erraten.

Je länger das Spiel dauert, desto mehr Informationen gibt es und umso leichter ist das Raten. Haben die Azubis bis zur fünften Spielwoche keine klaren Vermutungen zu den Städten und Berufen geäußert, werden die anderen Gruppen über die eigene Identität aufgeklärt. In der sechsten (letzten) Spiel-Woche reflektieren die einzelnen Gruppen die gemachten Erfahrungen und teilen diese den anderen  Auszubildenden per E-Mail mit.

Wie läuft nun das Spiel im Detail ab? Die Jugendlichen tauschen sich einmal wöchentlich über eine geschlossene Mailingliste aus. Als Informationsquellen sollen sie sowohl das Medium Internet als auch andere Medien, die ihnen in der Bildungseinrichtung zur Verfügung stehen, nutzen. Sie sollen einen kleinen Arbeitsplan entwickeln, wie sie neu eingegangenen Mails auswerten und wann sie welche neuen Infos über ihre Stadt und ihre Berufe preisgeben wollen Sie formulieren ihre Mails eigenständig und organisierten alles so, dass sie die wöchentlichen Spielaktivitäten in ca. 120 Minuten bewältigen können.

Die Spielleiter/innen (Ausbilder/innen, Lehrer/innen und Sozialpädagog/innen tauschten sich über eine eigene Mailingliste aus.

Bis zum Frühsommer 2004 nahmen etwa 400 Auszubildende aus ca. 60 Städten an Kolumbus teil.  Die bisherigen positiven Erfahrungen zeigen, dass lernbeeinträchtigte Auszubildende gut eingebunden werden können und die gesteckten Lernziele erreichen können:

  • Nutzung von Internet, E-Mailprogrammen, Suchmaschinen 
  • Informationen im Netz finden, bewerten, auswählen und präsentieren
  • Förderung der Kommunikationsfähigkeit innerhalb der eigenen Gruppe und mit anderen Spielteilnehmer/innen
  • Förderung der(schrift).-sprachlichen Ausdrucksfähigkeit
  • Förderung des Sozialverhaltens
  • Entwicklung von Zeitgefühl im Rahmen der Gruppenarbeit und Einsicht in die Notwendigkeit einer Arbeitsplanung, um vorgesehene Spielzeiten einhalten zu können. 


IT-Qualifizierungsbausteine im Bremer Netzwerk – JINGLE

Der Modellversuch “Bremer Multimedia Netzwerk JINGLE - Jugend ans Internet - Standardisierung der informationstechnischen Grundbildung in der Berufsvorbereitung” wird durch Zuwendungen im Rahmen des Programms: „Kompetenzen fördern - Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf (BQF)” des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Projektträger: Bildungszentrum Bremen des IB (Internationaler Bund). Förderzeitrahmen: Oktober 2002 bis September 2005. Internet: http://www.netzwerk-jingle.de/ 
JINGLE  zielt darauf, durch die Entwicklung eines in Bremen allgemein gültiges IT-Grundbildungszertifikats, die Chancen ausbildungsplatzsuchender Jugendlicher zu verbessern. Nach einer erfolgreichen Prüfung können diese Jugendlichen grundlegende Qualifikationen in den „neuen Informationstechnologien“ vorweisen, dazu zählen vor allem berufsfeldübergreifende Handlungskompetenzen. Das „Bremer Grundbildungszertifikat“ besteht aus drei Qualifikationsbausteinen

· Grundlagen der Hard- und Software 
· Textverarbeitung 
· Internetkommunikation 

Das Zertifikat gibt Bremer Betrieben in Bewerbungs- und Einstellungssituationen zusätzliche Informationen über die Fähigkeiten des Bewerbers, die über die – oft negativen – schulischen Leistungen hinausreichen.  Um dieses Zertifikat zu erlangen, müssen die Jugendlichen im Rahmen ihrer berufsvorbereitenden Maßnahmen mit einer Mindeststundenzahl von 80 Stunden an den informationstechnologischen Lernangeboten teilnehmen und hierzu eine Prüfung ablegen. 
Alle Mitglieder des „bremer multimedia netzwerks“ sind sich darin einig, dass das Qualifizierungsziel der Lernbausteine nicht in der Vermittlung von 
isoliertem Computerwissen und der Ausbildung von PC-Teilfertigkeiten 
bestehen kann. Es bedarf besonders in der Berufsvorbereitung der Herausbildung von IT-Handlungskompetenzen, wie sie in vielen modernen 
Berufsbildern verlangt werden. 
Die bisherigen Ergebnisse sind ermutigend und eine bundesweite Umsetzung wäre wünschenswert. Die entwickelten Qualifizierungsbausteine sind auch für lernbeeinträchtigte Jugendliche gut geeignet. Diese erhalten damit sicher keinen Zugang zu den sogenannten IT-Berufen, jedoch eine gute IT-Basisqualifikation, die ihnen in ihrer Ausbildung und später im Beruf zu Gute kommt.  Die Qualifizierungs-Bausteine füllen eine Lücke, weil bisher vorhandene Schulungsmaterialien etwa zum Erwerb des Europäischen Computerführerscheins (ECDL) für lernschwächere Auszubildende nicht geeignet sind, wie etwa der Modellversuch „Startbahn“, an dem LERNEN FÖRDERN Rheinland-Pfalz teilnimmt, gezeigt hat.

Lernen mit WebQuests

Ein Blick ins Internet zeigt, dass das Medium nie als Lernumgebung gedacht war: es
existiert keine didaktische Struktur oder Aufbereitung der Informationen. Deshalb sind Methoden notwendig, die den Einsatz des Internets in eine didaktische Umgebung einbetten. Eine Möglichkeit bietet die Methode WebQuest. Hier zunächst zwei Quellen im Internet:
http://www.webquests.de
http://www.webquest-forum.de/
http://www.lernen-mit-webquests.de
Es handelt sich dabei um einen innovativen, handlungsorientierten Ansatz, der das Lernen mit Informationsressourcen des Internets in einen pädagogischen Rahmen stellt. Das Unterrichtsmodell folgt folgendem Aufbau:

  • Herausforderndes Thema, spannend eingeführt
  • Formulierung konkreter Aufgaben
  • Bereitstellung von Materialien (u.a. Internetadressen) zur Lösung der Aufgaben
  • Prozess – Durchführung des WebQuest
  • Die Teilnehmer/innen präsentieren ihre Ergebnisse
  • Die Ergebnisse werden bewertet/benotet.
Im Rahmen von abH/BüE hat das heidelberger institut beruf und arbeit im Jahre 2003 erste positive Erfahrungen mit der WebQuest-Methode unter Einbeziehung von benachteiligten Auszubildenden machen können. Die Lerneffekte sind enorm und das Lernziel „Präsentation der Ergebnisse“ weckt die kreativen Fähigkeiten der Teilnehmer/innen.

Literatur:

Bartel, K., Esser-Krapp, P., Krapp, G., Schmitt-Kölzer, W. (2003) Neues Lernen mit neuen Medien – Chancen und Herausforderungen, hiba-Weiterbildung, Band 72, Darmstadt

Bundesagentur für Arbeit (2001) direkt – Fördern und Qualifizieren, Themenheft: Schlüsselqualifikation IT-Kompetenz, Heft 13

IFA-Verlag (2001) Medienkompetenz für Benachteiligte, Themenheft der Zeitschrift Kompetenz, Nr. 32. Im gleichen Jahr veröffentlichte der Verlag 3 Qualifizierungsbausteine (CD und Arbeitshefte sowie pädagogische Handreichungen) zu den Themen: Computer selbst zusammenbauen, Software optimal einrichten. Internet aktiv nutzen.

INBAS (2003) Beiträge zu einer neuen Lernkultur – Modelle integrierter Mediennutzung in der Benachteiligtenförderung, Offenbach

Moser, H. (2000) Abenteuer Internet. Lernen mit WebQuests, Zürich

Rützel, J. (2001) Informations- und Kommunikationstechnologien - grenzenlose Möglichkeiten oder neue Grenzen bei der beruflichen Integration Benachteiligter, in: Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit (Hrsg.) Dokumentation Fachtagung: USER statt LOSER - Benachteiligte und
IT - Auftrag für Jugendsozialarbeit vom 19. - 21. Juni 2001 in Braunschweig, Bonn

Internetquellen:

http://www.kompetenzen-foerdern.de/
Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf
http://www.netzwerk-jingle.de 
IT-Qualifizierungsbausteine im Netzwerk – JINGLE
http://www.weiterbildung.com
Computer-Magazin für berufliche Bildung und Förderunterricht (LERNEN FÖRDERN Rheinland-Pfalz) 
http://www.weiterbildung.com/abh-computer-magazin/neu/test39.html
Testbericht zur neuaufgelegten Lernsoftware „Förderung in Deutsch“
http://www.lernen-foerdern.net/titel.html
Informationen zum WISO-Online-Spiel
http://www.hiba-seminare.de/kolumbus
Das E-Mail Projekt: „Kolumbus geht ans Netz“
http://www.webquests.de 
WebQuest-Site der Dipl.-Hdl. Sonja Gerber
http://www.webquest-forum.de/
Eine deutsch-schweizerisch-österreichische Gemeinschaftsaktion
http://www.joblab.de 
Ein multimediales Planspiel für Mädchen zur Berufsfindung
http://www.lehrer-online.de 
Förderung der schulischen Arbeit mit Neuen Medien
http://www.zum.de 
Zentrale für Unterrichtsmedien
http://www.medienpaed.com 
Die Online-Zeitschrift Medienpädagogik
http://www.mekonet.de 
Medienkompetenz-Netzwerk NRW
http://www.ecmc.de 
Europäisches Zentrum für Medienkompetenz

Wolfgang Schmitt-Kölzer
LERNEN FÖRDERN 
Trägergesellschaft Rheinland-Pfalz
Max-Planck-Str. 4
54516 Wttlich
schmitt-koelzer@lernen-foerdern-rlp.de 
 

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