Gastbeitrag

Isolde Fleuchaus 

Der Einsatz von Lernprogrammen (CBT) im Fachbereich Deutsch bei lernschwachen Schülern an beruflichen Schulen 

In den Jahren 1995 bis 1998 wurde am Landesinstitut für Erziehung und Unterricht in Stuttgart, Abteilung Berufliche Schulen, ein BLK-Modellversuch zum Thema "Einsatz von Lernprogrammen (CBT) im Unterricht an beruflichen Schulen" durchgeführt. In den Fachbereichen Deutsch, Mathematik/Physik, Biologie/Chemie, BWL und Maschinenbau wurden exemplarisch  Marktbeobachtungen zum Thema CBT erstellt und ausgewählte Programme über 2 Jahre hinweg im Unterrichtseinsatz getestet.. Im Vordergrund stand hierbei weniger die Beurteilung von CBT als vielmehr die Erarbeitung methodischer Einsatzvarianten dieser multimedialen Medien im Unterricht. Im Fachbereich Deutsch waren vor allem die lernschwachen Schülerinnen und Schüler in den Berufsvorbereitungsjahren und im Stützunterricht in den Regelklassen Adressaten dieser neuen Unterrichtsmethoden und -medien. Daß durch den gelegentlichen Einsatz von Lernprogrammen im Unterricht die Lerneffizienz vor allem bei dieser Lerngruppe gesteigert werden kann, war eine der Erkenntnisse des Modellversuchs. Daneben konnten noch Aussagen zur Lernprogrammgestaltung, zur Lehrerrolle, zur Methodik und Didaktik sowie zu organisatorischen Belangen etc. gesammelt werden. 
Es wird immer wieder bemängelt, daß ein geringes Wissen in den Grundlagenbereichen der deutschen Sprache und eine mangelnde Beachtung der gesellschaftlichen Relevanz von Sprech- und Schreibkönnen zu verzeichnen ist. Und dies an der Schwelle zur modernen Kommunikations- und Informationsgesellschaft, in der die kommunikative Kompetenz zu einer Basisqualifikation wird, die erst den Erwerb anderer Schlüsselqualifikationen ermöglicht. Die mündliche Kommunikation sowie die schriftliche Informationsgewinnung, die Aufarbeitung und die Verarbeitung von Informationen sowie deren Weitergabe gewinnen neue Bedeutung. 
Defizite in Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik werden in die beruflichen Schulen mitgebracht und müßten eigentlich aufgearbeitet werden. Da sollten zudem Gesprächstechniken und kommunikative Strategien für den modernen Arbeitsplatz erarbeitet und eingeübt werden, genauso wie der Einsatz und die Erstellung von Texten mittels aktueller Techniken gelernt werden müßten. Daß ein meist einstündiger Deutschunterricht all diese Notwendigkeiten auffangen kann, bleibt illusorisch. Ausweg kann einerseits ein zusätzliches Stützkursangebot sein, in dem Grundlagenkenntnisse geschult werden können. Dies ist jedoch immer mit Kosten in Form von zusätzlichen Lehrstunden verbunden und deshalb häufig nicht durchführbar.   
Immer mehr Betriebe bedienen sich schon seit Jahren computerunterstützter Lernprogramme, denn hiermit können sie orts- und zeitunabhängig und meist auch joborientiert und topaktuell ohne "hohe" Kosten bedürfnisgerecht schulen. "Computer Based Training" entwickelt sich so, meist auch als Grundlagentraining in Seminaren und als autodidaktisches Selbstlernwerkzeug, wahrscheinlich zu einem zentralen Weiterbildungsmedium der Zukunft 

Der Lernbereich Sprachlehre und Sprachbetrachtung 

Für die Erfüllung der Aufgabenstellung des Deutschunterrichts in den beruflichen Schulen bietet CBT, wenn man es gelegentlich im Sinne eines Medienwechsels einsetzt, gegenüber dem herkömmlichen Unterricht mannigfaltige Vorteile. Geht man bei diesen Betrachtungen von den klassischen Bereichen des Lehrplans aus, so greifen im Lernbereich Sprachlehre und Sprachbetrachtung die auf dem Markt zahlreich vorhandenen Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Grammatikprogramme. Gleichzeitig dienen gute interaktive Lernprogramme zur intensiven Übung im Grundlagenbereich der deutschen Sprache und helfen damit, die von Wirtschaft und Industrie angemahnten mangelnden Kenntnisse aufzuarbeiten.  
Vorteile des Lernprogrammeinsatzes in diesem Unterrichtsfeld liegen in der Tatsache begründet, daß durch das neue Medium Computer und die ansprechende grafische Präsentation in solchen Lernprogrammen sprachlich schwache Schülerinnen und Schüler zur relativ trockenen Grundlagenarbeit motiviert werden können. Gleichzeitig ermöglicht CBT sehr intensive Übungsphasen, da Lernprogramme viele Übungsaufgaben anbieten und die Lerner diese auswählen und mit ihrem individuellen Lerntempo und Lernweg erarbeiten können. Die Antworten werden unmittelbar kontrolliert und die Fehler analysiert. Zudem bieten gute CBT-Programme auch unterschiedliche Schwierigkeitsstufen innerhalb der Übungen je nach individuellem Lernfortschritt an. Entgegen der Behauptung, daß Lernen mittels CBT-Programmen zur weiteren Vereinzelung und damit Entsprachlichung des Lernens führen kann, ist in der Regel eine Zunahme der sozialen Kompetenz zu verzeichnen, weil die Schülerinnen und Schüler meist in Gruppen vor dem PC arbeiten und häufig eine Konkurrenzsituation entsteht, was die Erfolgsstatistiken angeht. 
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß im Lernbereich Sprachlehre und Sprachbetrachtung der gelegentliche Einsatz von CBT den aktuellen Lehr- und Lernbedürfnissen der Zeit entspricht. Gleichzeitig bieten sich in diesem Bereich neue didaktische Möglichkeiten: während Grundlagendefizite aufgrund von Zeitmangel in der Regel in den bezüglich ihres Könnens meist heterogenen Klassen kaum angegangen wurden, können sie jetzt kompakt in recht kurzer aber intensiver Übungsarbeit explizierte Lerninhalte des binnendifferenzierten Deutschunterrichts werden. Vor allem sprachlich schwache Schülerinnen und Schüler können von diesem individuellen und intensiven Übungsangebot profitieren, können sie doch an ihren Hauptproblemen arbeiten und intensiver die Hilfe des Lehrers beanspruchen, der im Computerraum eher befreit ist von der monotonen Unterweisungsarbeit an der Tafel und der im Kontakt mit dem Einzelnen Problembereiche besprechen kann. 

Der Lernbereich sprachliche Übungen 

Im Lernbereich der sprachlichen Übungen spielt vor allem die aktive schriftliche und mündliche Kommunikation eine Rolle. Mittels CBT kann das Erlernen von beispielsweise privaten Geschäftsbriefen arbeitsplatzgetreu durchgeführt werden. Lernen erhält Berufs- und Geschäftsrelevanz, und diese Tatsache motiviert vor allem auch die lernschwachen Schülerinnen und Schüler. Lernprogramme zur Vermittlung dieser neuen Techniken können zeitsparend und trotzdem lernintensiv den Umgang und die Arbeit mit diesen neuen Techniken vermitteln und in Simulationen einüben. Allerdings bieten diese Lernprogramme, die in der Regel Auftragsproduktionen für große Firmen sind, ganz geschlossene Bilder, Werteraster und Rollenklischees an, die jedoch sicherlich eben auch nur eine Sicht der Wirklichkeit darstellen. Den Schülern kritische Distanz im Umgang mit solchen Medien zu vermitteln, ist an dieser Stelle auch ein wichtiges Lernziel. 
Für die lernschwachen Schülerinnen und Schüler hat die Arbeit mit Sprache am PC zudem zwei weitere Vorteile. Einerseits stammen diese Jugendlichen meist aus Familien, in denen der PC nicht aufzufinden ist. Der Reiz des Neuen ist damit gegeben. Für diese Lerngruppe ist der Computer als solcher und die Arbeit mit ihm immer noch ein Prestigegewinn und damit Motivationsgrundlage für unterrichtliches Arbeiten. Andererseits wird Sprache beweglich und veränderbar, ohne daß irgendwelche Spuren zurückbleiben. Die Tatsache ermöglicht einen freien und ungehemmten Umgang mit Sprache. 
Das Erlernen gesprochener Sprache spielt auch bei schwachen Schülerinnen und Schülern und Nichtmuttersprachlern eine große Rolle. Die immens differenzierten Vorkenntnisse können durch das vielfältige Angebot von Lernprogrammen aufgefangen werden, die durch unterschiedlich schwierige Aufgabenstrukturen auf die binnendifferenzierten Klassensituationen optimal eingehen können. Sie setzen die Kraft und das pädagogische Können des Lehrers und der Lehrerin frei für die Schulung spezieller individueller Lernprobleme und für häufig unbeachtete sozialpädagogische Aufgaben. Simulierte Kommunikationsangebote helfen Sprachhemmungen abzubauen und eröffnen Gesprächsmöglichkeiten mit intensiver Kontrolle und Übungsarbeit. Zudem verkürzen sich die Übungsphasen zeitlich durch den Einsatz von CBT, so daß mehr Raum für eine qualifizierte inhaltliche Arbeit im Deutschunterricht bleibt. 

Didaktische Konsequenzen 

Didaktisch ergeben sich zusammenfassend vor allem im Bereich der Förderung von Grundlagenkenntnissen, im Zusammenhang mit der Einführung und Erarbeitung neuer Texterstellungsmechanismen sowie im Bereich der Übung mittels simulierter Kommunikationssoftware neue Ansatzpunkte und Aufgabenbereiche des Deutschunterrichts an beruflichen Schulen. Gleichzeitig kann im Bereich der routinierten Einübungsarbeit mittels CBT zeit- und lernintensiv durch den Einsatz verschiedenster Arbeitsformen (Einzel-, Partner-, Gruppenarbeit) und Methoden (vom Ausfüllen eines Arbeitsblattes bis zur Durchführung einer Präsentation) gearbeitet werden, wobei sich für die Lehrerinnen und Lehrer in der Regel aufgrund der fehlenden Begleitmaterialien ein erheblich größerer Vor- und Nachbereitungsaufwand ergibt. Darüber hinaus können aktuelle und berufsspezifische Schwerpunkte Inhalte des Deutschunterrichts werden. Interaktive Lernprogramme werden zwar den Deutschunterricht nicht revolutionieren, sie sind aber eine Chance zu innovativen didaktischen Veränderungen im Sinne eines modernen entwicklungsoffenen und handlungsorientierten Deutschunterrichts, in dem vor allem auch binnendifferenziert auf die Belange schwächerer Schülerinnen und Schüler eingegangen werden kann. 

Programmtechnische und didaktische Voraussetzungen 

Schulisch nutzbare CBT-Programme sollen keine Computerkenntnisse voraussetzen, einfach zu bedienen sein, modular gegliedert sein, der Sprache der Jugendlichen angemessen sein, bezogen auf die Lerninhalte und -einheiten in den 45-minütigen Stundenrhythmus integriert sein, mehrere Antwortalternativen und -versuche zulassen, Ergebnisse auflisten und möglichst ausdrucken können, Arbeitsblätter und Zusammenfassungen ausdrucken können, binnendifferenzierten Unterricht durch verschiedene Schwierigkeitsgrade der Übungen ermöglichen, grafisch ansprechend und motivierend sein, vom methodischen Aufbau her mit anderen Unterrichtsphasen verknüpfbar sein. 
Konsequenzen für den CBT-Einsatz im Deutschunterricht: Deutschunterricht soll mit Hilfe des CBT-Einsatzes Medienkompetenz vermitteln. Die Kombination von CBT und Textverarbeitung hat sich im Unterricht als positiv erwiesen und läßt neue kreative Fähigkeiten in die Arbeit mit Lernprogrammen einfließen. CBT sollte je nach Lerngruppe und Unterrichtsphase Partnerarbeit ermöglichen. CBT-Programme sollten aber auch das selbständige Arbeiten fördern und festigen. Unterrichtlicher CBT-Einsatz muß immer mit gezielten Arbeitsaufträgen verbunden werden. Positiv einzuschätzen ist der Wechsel von Übungen am PC und im persönlichen AB. Vor allem schwache Schülerinnen und Schüler brauchen eine starke und einfache Benutzerführung. CBT-Programme dürfen nicht textlastig sein. Der PC-Raum sollte so gestaltet sein, daß er PC-Arbeitsplätze und Gruppenarbeitsplätze beinhaltet. Geeignete CBT-Programme sollten Hilfen zur Unterrichtsvor- und -nachbereitung mitliefern (Programmübersichten, Tafelbilder, Arbeitsblätter, Tests etc.) 
Die besonderen Vorzüge von "Drill und Practice"-Programmen im Fach Deutsch besonders für Lernschwache liegen vor allem im motivationalen Gehalt des Mediums Computer, in der Individualisierung des Lernens bezüglich Lerninhalte und Lerntempo, in der vereinfachten Lernzielkontrolle, in der Möglichkeit der Vermittlung von fächerübergreifenden Inhalten, in der Schaffung von Freiraum für pädagogische Aufgaben z.B. der besonderen Zuwendung für schwache Schüler. Multimediaprogramme eignen sich besonders zur Einübung und Simulation situativer, berufsrelevanter Kommunikationsabläufe. Sie holen damit ein Stücke Realität in die Schule und wirken dadurch motivierend auf Lerner und Lernerinnen.  

Bemerkungen zu Lerninhalten und Lernzielen 

Die im Modellversuch getesteten "Drill und Practice"-Programme wie Deutsche Grammatik mit Spaß, CobraWin, Grammafix, FID (Förderung in Deutsch - siehe Rubrik "Test" - die Redaktion) und Hueber-Grammatik wurden vor allem zur Vertiefung, Wiederholung, Erarbeitung von Basiswissen oder Aufarbeitung von Lernrückständen bei Lernschwachen im Berufsvorbereitungsjahr oder Stützunterricht in der Berufsschule gewinnbringend eingesetzt. Das Arbeiten im gleichen Rhythmus nach bekannten Strukturen und in bildliche Form gebracht hilft sehr, die eigenen Schwächen zu erkennen.  
Beim ersten Einsatz von CBT-Programmen im Unterricht ist mit einem hohen zeitlichen Aufwand zu rechnen. Die komplexen Lernprogramme müssen inhaltlich und strukturell gründlich überprüft und mit möglichen Anknüpfungspunkten im Lehrplan verglichen werden. Bei häufiger Nutzung relativiert sich der Zeitaufwand. Der Nachbereitungsaufwand ist dagegen eher zeitsparend, da das notwendige Feedback zu großen Teilen von den Lernprogrammen übernommen wird.  

Anmerkungen zur Methodik und zur Organisation des CBT-Einsatzes 

Der ausschließliche Einsatz von CBT-Programmen im Unterricht des Faches Deutsch auch bei Lernschwachen ist abzulehnen. Vielmehr ist es angebracht, Lernprogramme im Sinne des Medienwechsels gelegentlich zu benutzen oder auch während des Unterrichts unterschiedliche Medien miteinander zu kombinieren. Vor allem die Kommunikationsprogramme eignen sich besonders für den projektorientierten Einsatz, der dann auch Transfermöglichkeiten in Form von der Anwendung des Gelernten auf neue Situationen oder Rollenspiele beinhaltet. Computerphasen sollten 45 Minuten nicht überschreiten. Viele Schülerinnen und Schüler verlangen außerhalb des Unterrichts nach Möglichkeiten, zum Beispiel in einem Schülercomputerraum, in "Hohlstunden" mit CBT arbeiten zu können. Auch die Ausleihbarkeit von schulisch vorhandener Lernsoftware für die häusliche Nacharbeitung und Vertiefung des Unterrichtsstoffes wird häufig gewünscht. 
Favorisiert wird von den meisten Kolleginnen und Kollegen ein Raum mit 12 PCs, die in U-Form angeordnet sind und der in der Mitte über Tische für Gruppenarbeit verfügt. In diesem Raum sollten auch Medien wie Tafel und Overhead-Projektor zur Verfügung stehen. Für den Einsatz eines LC -Displays oder Beamers sollte er verdunkelbar sein. Die PCs müssen soweit voneinander aufgestellt sein, daß noch ausreichend Arbeitsfläche zur Verfügung steht, und die Bildschirme der Nachbargruppe nicht einzusehen sind. Der Computerarbeitsplatz sollte außerdem nach ergonomischen Gesichtspunkten ausgestaltet sein und die gesundheitlichen Aspekte beachten. 

Die Autorin, Isolde Fleuchaus, unterrichtet seit 10 Jahren an einer gewerblich-technischen Berufsschule allgemeinbildende Fächer und hat seit Jahren Erfahrungen vor allem in der Arbeit im Stützunterricht des Faches Deutsch. Im Rahmen des BLK-Modellversuchs "CBT-Einsatz an beruflichen Schulen", der am Landesinstitut für Erziehung und Unterricht in Stuttgart durchgeführt wurde, betreute sie den Fachbereich Deutsch. In diesem Zusammenhang organisierte sie unter anderem die Softwareauswahl nach intensiver Marktbeobachtung, leitete den unterrrichtlichen Einsatz sowie die Ausarbeitung der Erfahrungsberichte an den einzelnen Modellschulen und beschäftigte sich intensiv mit methodischen und didaktischen Fragen des CBT-Einsatzes. 


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