Gastbeitrag


Susanne Prell

Das Projekt Computer & Ausbildung der INBUS GmbH

INBUS (Innovation in Bildung und Sozialarbeit) ist eine gemeinnützige GmbH zur Planung, Entwicklung und Realisierung richtungsweisender Projekte in der Sozialarbeit. Das Projekt Computer und Ausbildung der INBUS GmbH ist ein vom Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziertes Modellprojekt, in dem spezielle Lernsoftware zur Qualifizierung von benachteiligten Jugendlichen entwickelt wird. Ziel des Projekts ist es, benachteiligten Jugendlichen in überbetrieblichen und abH (ausbildungsbegleitende Hilfen)-Maßnahmen geeignete Software zur Verfügung zu stellen und ihnen so den Gebrauch des Mediums Computer zu ermöglichen. ... Die Software wird von den Mitarbeitern des Projekts Computer & Ausbildung in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen des INBUS-Bereichs abH erstellt. Sie beraten uns bei der Themenwahl, dem inhaltlichen Aufbau und übernehmen die Recherche. Die Programme werden anschließend von den Schüler/innen getestet und kommentiert.

Wir sind an einer größtmöglichen Verteilung unserer Software interessiert. Daher ist unsere Software bis auf einen Kostenbeitrag von 10 DM pro Programm kostenlos, darf kopiert werden und ist über die Mailbox des Bundesinstitutes für Berufsbildung in Berlin bibbmail (Modem: 030-86 10-338 oder/-349 oder 030-86 43-2599) erhältlich. (In der Rubrik News und Tips finden Sie eine Übersicht über die INBUS-Programme - d. Red.)

Warum programmieren statt kaufen? Die Kriterien der INBUS-Lernsoftware

Als das Projekt Computer und Ausbildung vor 4 Jahren startete, war es ein Teil unseres Auftrages, die bereits auf dem Markt befindliche Lernsoftware auf Ihre Verwendbarkeit für benachteiligte Jugendliche zu testen. Zu diesem Zweck sahen wir uns im Rahmen des abH-Unterrichts zusammen mit den Jugendlichen professionelle Software und Shareware an. Es ging uns dabei nicht um eine allgemeine Bewertung der Lernsoftware, sondern lediglich um deren Eignung für den Unterricht mit benachteiligten Jugendlichen. Wenn die Programme uns hierfür nicht geeignet erschienen, so lag das in der Regel an wesentlichen Punkten. ... Aufgrund dieser Erfahrungen überlegten wir uns folgenden Kriterienkatalog für die Erstellung von Lernsoftware:

A) Gestaltung

Allgemeines: übersichtlicher Bildschirmaufbau, gleichbleibende Gestaltung von wiederkehrenden Elementen (z.B. Navigatinsbuttons), gut kontrastierende Farben, keine grellen Hintergrundfarben

Text: große Schrift, gut lesbare Schriftart, nicht mehr als zwei unterschiedliche Schriftarten pro Bildschirmseite, wenig Text pro Bildschirmseite

Navigation: übersichtliches Hauptmenü (Gliederung), deutlich hervorgehobene Navigationselemente, begrenzte Anzahl von Navigationselementen, Verwendung der bekannten Steuerungsbegriffe, z.B. "Weiter"/"Zurück"/"Menü"

B) Programmsteuerung

Kontrolle über Tempo und Weg (Ausnahme: Besonders wichtige Lerninhalte können nicht übersprungen, bzw. beschleunigt werden): einfach zu bedienende Navigation (Mausklick oder einfacher Tastendruck, keine Doppelklicks, keine Tastenkombinationen), Bewegung im Programm mit Navigationselementen, Auswahl verschiedener Kapitel durch ein Hauptmenü, nicht mehr als zwei Untergliederungen, wenn sinnvoll, Überspringen einzelner Seiten ermöglichen.

C) Lernen und Motivation

Bild und Animation: Texte werden visualisiert, die Veranschaulichung von Lerninhalten muß dem Erfahrungshintergrund und dem Wissensstand der Zielgruppe angemessen sein.

Interaktion: frühzeitig möglich einfache Bedienung, verschiedene Formen der Interaktion

Aufgaben: Lösung muß erreichbar sein, wenn sinnvoll, Lösungsschritte anbieten

Akustische Signale: nicht als Reaktion auf falsche oder richtige Lösungen, dosierter Einsatz

Sprache: einfacher Satzbau, kurze Sätze, Fremdwörter vermeiden (wenn möglich)

Nach diesen Regeln versuchen wir unsere Lernsoftware zielgruppenorientiert zu erstellen. ... Unsere Lernsoftware ist in zwei Bereiche eingeteilt: Übungsprogramme für den Berufsschulstoff der Auszubildenden des Handwerks, z.B. "Flächenberechnen", "Formelumstellen" und Basisprogramme für den allgemeinen Berufsschulstoff, z.B. "Prozent - was ist das eigentlich?", "Das deutsche Sozialversicherungssystem". Unsere Programme verwenden: Text, Abbildung/Animation, Darstellung einer Situation, Darstellung eines Begriffes mit einem analogen Bild, Simulation zur Verdeutlichung eines Vorgangs, ansatzweise Hypertext. Diese didaktischen Mittel zur Unterstützung des Lernerfolgs sind nicht in allen Programmen im gleichen Maß vorhanden. Zur Erstellung der Lernsoftware werden die Programmier- bzw. Autorensprachen Turbo-Pascal, Education One, Visual Basic und Multimedia-Toolbook verwendet. ...

Multimedia

Multimedia ist neben Interaktivität das Schlagwort für die positive Kennzeichnung von Lernsoftware geworden. Der Begriff wird in Zusammenhang mit Software vor allem dann verwendet, wenn dynamische Medientypen, also Audio, Video und Animation, eingebunden sind.

Wenn im folgenden von Multimedia die Rede ist, so gehe ich von einer Definition aus, die ich für die gängigste und deshalb pragmatischste halte. Multimedia bedeutet: Möglichkeit der Interaktion, Integration verschiedener Medientypen (Graphik, Bild, Video, Audio, Animation), die gleichzeitig abrufbar sind. ...

Die Vorteile von Multimedia liegen auf der Hand: der Wechsel zwischen verschiedenen Medientypen bietet Abwechslung und fördert die Motivation des Lernenden. Mit verschiedenen Medientypen werden verschiedene Formen der Wahrnehmung angesprochen. Auf diese Weise wird der Stoff besser verarbeitet und behalten. Endlich können Medientypen auf einer Plattform integriert werden, die für die Simulation bestimmter Vorgänge besonders geeignet sind. Die oben genannten Aspekte von Multimedia werden von uns nicht bezweifelt. Dennoch sollte bei dem Thema Multimedia im Zusammenhang mit benachteiligten Jugendlichen folgendes bedacht werden:

- Multimedia- Programme stellen höhere Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Benutzers, da er sich auf verschiedene Informationsquellen konzentrieren muß (Weidenmann, S. 73)

- Multimedia-Programme können sich auf den Lernerfolg nachteilig auswirken, wenn die Informationsangebote schlecht aufeinander abgestimmt sind. Z.B. kann das der Fall sein, wenn akustisch angebotene Erläuterungen nicht mit dem sichtbaren Text übereinstimmen (Weidenmann, S. 73)

- Mit Multimedia-Programmen wird eine offene Lernumgebung geschaffen, die aufgrund der Interaktionsmöglichkeiten eher für interessierte und erfahrene Lernende geeignet ist (Haak, S.163).

Weshalb bieten wir noch keine Multimedia-Programme an?

Unser erstes Programmierwerkzeug war das Autorensystem Education One. Ein Honorarmitarbeiter programmierte außerdem mit Turbo Pascal. Beide Systeme waren nicht multimediatauglich, und Anfang 1992 stand uns ein erschwingliches multimediafähiges und für uns in annehmbarer Zeit erlernbares Autorenprogramm nicht zur Verfügung. Auch war der Begriff Multimedia nicht so präsent wie heute. Mittlerweile verwenden wir das Autorenprogramm Multimedia-Toolbook. Einem Teil unserer Programme soll also in Zukunft Multimedia zur Verfügung stehen. ... Wir befinden uns aber in einer schwierigen Situation: wir wollen den Einrichtungen und Schulen den Gebrauch von Lernsoftware ermöglichen und ihnen auch Multimedia-Programme anbieten. Denn sonst bleiben diese Neuerungen vorerst den Privathaushalten (jedes 10. Kind zwischen 6 und 13 Jahren besitzt einen eigenen Computer) und einigen Schulen vorbehalten. Gleichzeitig müssen wir bei der Erstellung unserer Lernsoftware die mangelnde technische Ausstattung unserer Zielgruppe berücksichtigen. Der Kompromiß, den wir deshalb eingehen müssen, ist für uns jedoch kein ärgerliches Handicap, sondern eine interessante Herausforderung.

(Die Verweise auf Autor und Seitenzahl beziehen sich auf Beiträge aus dem Buch "Information und Lernen mit Multimedia", Hrsg. L.J. Issing und P. Klisma, Psychologie-Verlags-Union, 68.-.)

Susanne Prell, Mitarbeiterin der INBUS GmbH, 1991 im Bereich abH (ausbildungsbegleitende Hilfen), seit 1992 im Projekt "Computer & Ausbildung", dort mitverantwortlich für die Erstellung von Lernsoftware und Referentin für Computerkurse. INBUS GmbH, Computer & Ausbildung, Müllerstr. 43

80469 München, Tel. (089) 26 37 40, Fax (089) 26 37 90

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