Gastkommentar

von Uschi Bylinski

Uschi Bylinski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am heidelberger institut beruf und arbeit [hiba]-Frankfurt, Fortbildung in der Benachteiligtenförderung und dort inhaltlich zuständig für die Seminarangebote zum Themenbereich "neue Technologien".


"... und der Computer ist nicht intelligenter als ein Lichtschalter"

Eine Metapher

"... und der Computer ist nicht intelligenter als ein Lichtschalter" - war eine Metapher als wir Ende der 80er-Jahre begannen, mit Jugendlichen in der Benachteiligtenförderung "neue" Technologien (damals XT-Rechner) in die Ausbildungspraxis und den Unterricht als Lernmedium einzubeziehen. Der Computer als ein Gerät, das nach einem einfachen Ein-Aus-Prinzip funktioniert wie ein Lichtschalter, sollte die uneingeschränkte Faszination verlieren und ihm die Aura eines intelligenten, selbständig denkendem Wesen genommen werden. Wir wollten mit Hilfe eines neuen Mediums den Auszubildenden "neue" Lernwege eröffnen. Kenntnisse der Ausbildung sollten auf eine andere Art und Weise vermittelt bzw. eingeübt werden. Die Motivation der Jugendlichen sollte geweckt werden, sich mit Dingen zu beschäftigen, die aufgrund ihrer bisherigen Lernerfahrungen oft mit Desinteresse belegt waren. Faszination hatte für die Jugendlichen das Medium Computer auch deshalb, weil es bisher nicht üblicherweise "Benachteiligten" zugänglich war.

Ein Konzept der Informationstechnischen Grundbildung

Unsere langjährige Erfahrung in der Benachteiligtenförderung war für uns ein pädagogischer "Grundstock" für die Computerarbeit und dafür, ein Konzept zu entwickeln, das sich auf ganzheitlichen Lernprinzipien aufbaute. Nicht nur berufliches Fachwissen und beispielsweise der Dreisatz sollten mit dem PC geübt werden, sondern wir wollten zunächst, bevor wir in die Fachpraxis einstiegen, eine Informationstechnische Grundbildung vorschalten, die allen Jugendlichen einen adäquaten Zugang zu dieser Technologie eröffnet. Die Auszubildenden sollten die Möglichkeit erhalten, offen und mit allen ihren Widersprüchen, auf dieses Medium zuzugehen und angstfrei mit ihm zu lernen.

Unser Anliegen: einen Alltags- und Lebensweltbezug herzustellen

Als didaktische Prinzipien einer Informationstechnischen Grundbildung waren für uns wichtig, problem- und handlungsorientiert zu arbeiten, projektorientierte Lernformen einzubeziehen, die Jugendlichen sollten selbständig lernen und im Unterricht sollte ein Gesellschafts- und Lebensweltbezug hergestellt werden.

In der Informationstechnischen Grundbildung lernten die Auszubildenden die Welt der Computertechnologie verstehen und sich zu eigen zu machen.

Frauen und Computer

Mitte der 80er Jahre rückte das Thema "Frauen und Computer" verstärkt in das Blickfeld der breiten Öffentlichkeit.

Das Verhältnis von Mädchen und Frauen zu Informations- und Kommunikationstechnologien wurde verstärkt zum Thema verschiedener wissenschaftlicher Untersuchungen und Modellversuche. 1987 erschien von Christiane Schiersmann "Computerkultur und weiblicher Lebenszusammenhang: Zugangsweisen von Mädchen und Frauen zu neuen Technologien", das vorhandene Ergebnisse aufarbeitete.

Den Erfahrungen aus Modellversuchen (z. B. die "Brigitte"-Studie in Zusammenarbeit mit dem Institut Frau und Gesellschaft, 1986; "Mädchen und Neue Technologien", in NRW, 1987 - 1989; der niedersächsischer Modellversuch "Mädchen und neue Technologien", 1986 - 1991; "Mädchenbildung und neue Technologien" des Hessischen Kultusministeriums, 1985 - 1988) entnahmen wir, daß bei der Aneignung der Computertechnologie geschlechtsspezifische Unterschiede bestimmmend dafür sind, wie die individuellen Zugangsweisen zu Technologien aussehen.

Computerarbeit in geschlechtshomogenen Lerngruppen - Die Abkehr von der Koedukation?

Mädchen werden im Verlauf ihres geschlechtsspezifischen Sozialisationsprozesses weniger als Jungen dazu ermutigt, sich technische Kompetenz aktiv anzueignen.

Davon ausgehend konzipierten wir Kurse zur Informationstechnischen Grundbildung, die genau diese geschlechtsspezifischen Unterschiede aufnahmen und spezifisch auf die jeweilige (Lern-) Situation der jungen Frauen eingegehen sollten. Da die meisten weiblichen Auszubildenden noch keinen Kontakt mit dem Computer hatten, war gerade die Einführungsphase mit hoher Sensibilität belegt. Dies bedeutete für uns zunächst eine Abkehr von der Koedukation. Die geschlechtsspezifische Trennung sollte aber nur als Einstiegssituation verstanden werden, nicht als Prinzip für den gesamten Unterricht. Besonders wichtig war uns, eine Atmosphäre zu schaffen, die Sicherheit vermittelt und Konkurrenzdruck ausschaltet. Die jungen Frauen sollten in geschlechtshomogenen Gruppen ihren "eigenen" Zugang zur Technik finden können, ohne daß ihnen dies durch "männliche Dominanz" streitig gemacht werden kann. Die Jungen, die vorrangig Interesse an der Technik zeigen, sollten sich nicht in der Vordergrund drängen und den Mädchen "die Luft und den Raum" nehmen. Koeduktive Angebote bedeuten häufig eine Orientierung an den Interessen von Jungen.

Konzeptionell wurde davon ausgegangen, daß in den geschlechtshomogenen Gruppen die jungen Frauen soviel an Sicherheit im Umgang mit dieser Technologie entwickeln, daß in der anschließenden Arbeit in den Ausbildungsbereichen junge Frauen und Männer gleichberechtigt und mit Durchsetzung ihrer eigenen Fähigkeiten miteinander umgehen können. Ein positives Erleben im Umgang mit neuen Technologien bedeutete für die jungen Frauen eine Stärkung ihres Selbstbewußtseins. Dies konnte aber nur ermöglicht werden, weil dafür angstfreie "Experimentierfelder" geschaffen wurden.

Gibt es "weibliche" und "männliche" Inhalte?

Die Inhalte der Mädchen-Computerkurse sollten über den bloßen Erwerb von Fachwissen hinausgehen, auch die Auswirkungen von neuen Technologien und Aspekte des weiblichen Lebens- und Arbeitszusammenhangs einbeziehen. Leitlinien von Mädchenarbeit bestimmten die inhaltliche und methodische Gestaltung der Kurse.

Deborah Brecher bestätigte unsere Gedanken mit ihrem Buch GO-STOP-RUN. Sie hob besonders den weiblichen Lernstil hervor, der gerade in Computerkursen besonders deutlich wird. "Frauen wollen meist zuerst verstehen, was sie am Gerät machen - und warum sie es machen - bevor sie mit dem Computer herumspielen können". Für sie ging es nicht darum, ob Frauen oder Männer besser lernen, sondern um die Feststellung, daß Frauen beim Lernen andere Wege gehen. Sie hat uns in ihrem Buch viele Beispiele dafür gegeben, wie eine technische Sprache ihren geheimnisvollen Anstrich verliert, wenn sie bildlich und anschaulich dargestellt wird.

Die Inhalte der Frauen-Computerkurse

Die Beherrschung der Technik sollte nicht ins Zentrum des Kurses rücken. Auf dem Hintergrund von gesellschaftlichen Rollenzuweisungen wurde das Thema "Frauen und Computer" entsprechend alltagsbezogen aufgegriffen. Die thematische Beschäftigung mit dem Arbeitsweltbezug für Frauen erschien für die Berufs- und Lebensplanung der jungen Frauen von großer Bedeutung. Vor allem Arbeitsplätze für Frauen wollten wir in den Mittelpunkt stellen und Arbeitsplatzbedingungen und -veränderungen anzusprechen, wie etwa Frauenarbeitsplätze im Schreibbüro. Anhand von biographischen Texten von Frauen sollten die Themenbereiche belegt und ergänzt werden. Intendiert war damit auch, daß über erzählende Texte von Frauen eine höhere Identifikation mit der Frauenrolle erreicht und eine Hinführung zu eigenen Erzählungen möglich wurde. Eine Betriebsbesichtigung in einem Schreibbüro zeigte typische Frauenarbeitsplätze und verdeutlichte, welche Auswirkungen neue Technologien nach sich ziehen im Hinblick auf Veränderungen am Arbeitsplatz. Die Aneignung der technischen Handhabung war jeweils eingebunden in einen thematischen Zusammenhang. Für die Vermittlung wurde nach anschaulichen Beispielen gesucht, Parallelen gezogen zu Dingen, die den Teilnehmerinnen in ihrem Lebenszusammenhang vertraut sind. Die Unterrichtsatmosphäre sollte sehr von den Mädchen bestimmt werden. Ebenso wurde das kooperative und kommunikative Arbeitsverhalten der Teilnehmerinnen aufgegriffen, z. B. durch Partnerinnen-Arbeit am Rechner oder bei bestimmten Arbeitsschritten auch durch Gruppenarbeit. Während des gesamten Kursverlaufs wurde produktorientiert gearbeitet. So sollte sich z. B. durch die Erstellung einer Mappe zum Thema "Frauen erzählen von sich und dem Computer" das im Kurs Gelernte widerspiegeln. Über selbsterarbeitete Texte ist für die Teilnehmerinnen "ihr" Produkt entstanden.

Im Zeitalter von WINDOWS und der Datenautobahn

Die hier beschriebenen Erfahrungen sind von vielen Pädagoginnen bestätigt worden und Prinzipien des ("weiblichen") Computerlernens sind Bestandteil von manchen pädagogischen Konzepten geworden. Bereichert wurden diese Konzepte durch Übertragungen, z. B. aus dem suggestopädischen Lernen, einem Lernen, das den ganzen Menschen mit allen Sinnen einbezieht und bewußt bildliche Analogien schafft, um abstrakte Vorgänge lebensweltnah zu veranschaulichen.

Die Fortbildung in der Benachteiligtenförderung

In der Fortbildungsarbeit greifen wir bewußt analoge Prinzipien der Ausbildungspraxis der Benachteiligtenförderung auf: die Handlungsorientierung, das Herstellen eines Alltags- und Ausbildungsbezugs, die Verbindung von Theorie und Praxis oder beispielsweise das Lernen an Projekten. Wichtiger Eckpunkt unseres Konzeptes in sog. "Technologie"-Seminaren ist nicht die isolierte Vermittlung eines Fachinhalts, z. B. der SPS-Steuerung, sondern die Vermittlung technologischer Kenntnisse im Kontext didaktisch-pädagogischer Überlegungen. Dabei sollen im Seminar Ausbildungsmethoden und -konzepte erprobt und "selbst erfahren" werden, die im Anschluß reflektiert und ausgewertet in die Ausbildungspraxis transferiert werden können. Spezifische weibliche Zugangsweisen zur Technologie werden jeweils als "Querschnittsthema" aufgegriffen und fließen in die pädagogischen Überlegungen mit ein.

Frauen nehmen, im Sinne von Vorbildern und (weiblichen) Fachkompetenzen - als Sozialpädagoginnen, als Lehrerinnen, Ausbilderinnen oder als Teamerinnen in Fortbildungsseminaren - eine bedeutende Rolle im Lernprozeß ein. Aus diesem Grund haben wir für die Fortbildung bei FiB in den letzten Jahren verstärkt engagierte Kolleginnen aus der Benachteiligtenförderung als Teamerinnen für den Bereich der "Technologie"-Seminare angesprochen und für die Fortbildungsarbeit gewinnen können. Trotz dieser positiven Entwicklung ist leider immer noch festzustellen, daß sich zu den sog. "Technologie"-Seminaren überwiegend männliche Kollegen anmelden. Auch unser verstärktes Bemühen, ein Seminar proportional gleichgewichtig männnlich/weiblich zu besetzen, konnte nicht "gleichberechtigt" realisiert werden. Deshalb wollen wir nicht nur einen Schwerpunkt darauf legen, weibliche Lernstile integriert in den Seminaren zu behandeln, sondern sehen es auch als erforderlich an, Seminare zu konzipieren, die sich explizit nur an Frauen wenden.

Im kommenden Fortbildungsjahr werden wir ein Seminar "Frauen lernen mit Computern" anbieten, das sich nur an Mitarbeiterinnen wendet, bewußt weibliche Lernstile aufgreift und eine geschlechtsspezifische Computerarbeit mit den weiblichen Auszubildenden zum Thema macht.



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